Die vorliegende Erfindung betrifft die Verwendung von
g-Strophanthin für eine neue medizinische Indikation.
g-Strophanthin (Englisch: Ouabain) ist eine zu den
Herzglykosiden gezählte Verbindung pflanzlicher Herkunft, die
aufgrund ihrer typischen Wirkung auf Herzdynamik und
Herzrhythmik wie die bekannteren Herzglykoside Digitoxin und
Digoxin in Arzneimitteln gegen schwere akute und chronische
Herzinsuffizienz eingesetzt sind. Da g-Strophanthin peroral
vergleichsweise schlecht resorbierbar ist, wird es für die
genannten Anwendungen in erster Linie parenteral bzw.
intravenös verabreicht. Es sind in Deutschland jedoch auch
Arzneimittel in Kapselform im Handel, die für eine Anwendung
bei Linksmyokardschaden (Herzmuskelschwäche) bestimmt sind
und bei deren sachgemäßer Einnahme eine Resorption des
Wirkstoffs g-Strophanthin über die Mundschleimhaut bzw. im
Dünndarm erfolgt (Strodival®, Strodival®spezial,
Strodival®mr).
Umfangreiche Informationen zu g-Strophanthin (Ouabain),
seinem Vorkommen, seiner Struktur und Verwendungsgeschichte
finden sich in einschlägigen Lexika und Fachbüchern, wobei
beispielsweise verwiesen wird auf Römpp Chemie Lexikon,
9. Auflage, Stichwort "Strophanthine" sowie die zu diesem
Stichwort genannte allgemeine und speziellere Literatur.
Während Strophanthine zu den seit der zweiten Hälfte des
19. Jh. bekannten Substanzen gehören und bereits 1906 in die
Herztherapie eingeführt wurden, ist es eine vergleichsweise
neue Erkenntnis, daß im menschlichen Körper als endogener
Faktor ein Hormon vorkommt, das g-Strophanthin (Ouabain)
sehr ähnlich ist oder mit diesem sogar identisch ist. Zur
Wirkung und Funktion dieses Hormons im Körper existiert
inzwischen eine umfangreiche Fachliteratur, auf die hiermit
pauschal verwiesen wird (vgl. beispielsweise Blaustein,
M.P., Hamlyn, J.M.: Endogenous Ouabain Implications for
Cardiovascular Disease Diagnosis and Therapy, MMJ,
6: 501-504, 1992; Blaustein, M.P.: Physiological Effects of
Endogenous Ouabain: Control of Intracellular Calcium Stores
and Cell Responsiveness, Am J Physiol, 264: C1367-1387, 1993;
Delva et al: Plasma Ouabain-Like Activity in Essential
Hypertensive Patients and in Subjects with Primary
Aldosteronism, Miner. Electrolyte Metab., 15: 315-20, 1989; Deray et
al: Evidence of an Endogenous Digitalis-Like Factor in the
Plasma of Patients with Acromegaly, NEJM, 10: 575-580, 1987;
Editorial: Welcome to ouabain - a new steroid hormone, The
Lancet, 338: 543-544, 1991; Goto et al: Minireview:
Endogenous Digitalis: Reality or Myth?, Life Sciences,
48: 2109-2118, 1991; Goto et al: Physiology and Pharmacology
of Endogenous Digitalis-like Factors, Pharmcol. Rev.
44: 377-399, 1992; Goto et al: Stress induced Elevation of
Ouabainlike compound in Rat Plasma and Adrenal, Hypertens.,
26: 1173-1176, 1995; Gottlieb et al: Elevated Concentrations
of Endogenous Ouabain in Patients with Congestive Heart
Failure, Circulation, 2: 420-425, 1992; Graves et al: An
Endogenous Digoxin-like Substance in Patients with Renal
Impairment, Ann. Internal Med., 99: 604-608, 1983; Graves,
S.W., Williams G.H.: Endogenous Digitalis-like Natri-uretic
Factors, Annual Rev. Med., 38: 433-444, 1987; Hamlyn et al:
A circulating Inhibitor of Na-K-ATPase Associated with
Essential Hypertension, Nature, 300: 650-652, 1982; Hasegawa
et al: Increase in Plasma Ouabain Like Inhibitor of
Na-K-ATPase with High Sodium Intake in Patients with
Essential Hypertension, J Clin Hypertens, 3: 419-429, 1987; Hinson
et al: Why we should give a qualified welcome to Ouabain: a
whole new family of adrenal steroid hormones?, J Endocrinol,
146: 369-372, 1995; Kelly R.A., Smith, T.W.: Editorial
Comment: Is Ouabain the Endogenous Digitalis?, Circulation,
2: 694-697, 1992; Masugi et al: Circulating Factor with
Ouabain-Like Immunoreactivity in Patients with Primary
Aldosteronism, Biochem. Biophys. Res. Comm., 1: 41-45, 1986;
Masugi et al: Ouabain-Like and Non-Ouabain-Like Factors in
Plasma of Patients with Essential Hypertension, Clin. Exper.
Theor. Pract., A9 (7): 1233-1242, 1987; Masugi et al:
Normalization of High Plasma Level Ouabain-Like Immunoreactivity
in Primary Aldosteronism after Removal of Adenoma, J Hum.
Hypertens., 2: 17-20, 1988; Morise et al: Stimulation of
Adrenal Natriuretic Peptide Secretion and Synthesis by
Na-K-ATPase Inhibitors, Biochem. Biophys. Res. Comm.,
2: 875-881, 1981; Rossi et al: Immunoreactive Endogenous
Ouabain in Primary Aldosteronism and Essential Hypertension: Relationship
with Plasma Renin, Aldosterone and Blood
Pressure Levels, J. Hypertens., 10: 1181-1191; Sagnella et al:
Evidence for Increased Levels of a Circulating Ouabain-Like
Factor in Essential Mypertension, Hypertension, 5: 433-437,
1986; Soszynski et al: Increased Activity of Digoxin-Like
Substance in Low-Renin Hypertension in Acromegaly, Clin.
Exper. Hyper. - Theory and Practice, A12 (4): 533-549, 1990;
Szalay, K.S.: Ouabain - A Local Paracrine Aldosterone
Synthesis Regulating Hormone?, Life Sciences, 52: 1777-1780,
1993; Valdez, R.: Endogenous Digoxin - Immunoactive Factor
in Human Subjects, Fed. Proc., 44: 2800-2805, 1985).
Der aktuelle Kenntnisstand zu diesem endogenen Hormon läßt
sich vereinfacht wie folgt zusammenfassen: Das Hormon
(nachfolgend als "g-Strophanthin-Hormon" bezeichnet) wird in der
Nebennierenrinde gespeichert, evtl. auch gebildet und/oder
dort auf seiner Vorstufe synthetisiert, und wird außerdem
auch in Hypothalamus und Hypophyse gebildet und/oder
gespeichert. Es konnte nachgewiesen werden, daß es bei
Streßreaktionen vermehrt ausgeschüttet wird.
Am Herzmuskel wirkt es positiv inotrop, d. h. die
Kontraktilität des Herzmuskels erhöhend, und zwar über eine
Einflußnahme auf den Ionentransfer von extrazellulär nach
intrazellulär, der von dem Enzym Na-k-ATPase gesteuert wird.
In ähnlicher Weise wie auf den Herzmuskel wirkt es auch in
anderen Zellen, wo es natriuretrisch wirkt, die Produktion
des atrial natriuretischen Peptids stimuliert, die
Reninsekretion hemmt, die vaskuläre Antwort von Angiotensin II und
Noradrenalin verstärkt sowie die vasokonstriktorische Wirkung
des Sympathicus steigert.
Zu den physiologischen Streßreaktionen, die zu einer
Erhöhung der Plasmakonzentration des g-Strophanthin-Hormons beim
Menschen führen, zählen u. a. Hypertonie, Akromegalie,
Niereninsuffizienz, primärer Aldosteronismus, weitere Krankheiten
mit Volumenüberlastung des Körpers, Schwangerschaft,
Präeklampsie, schwangerschaftsausgelöste Hypertonie und schwere
Lebererkrankungen.
Die Erkenntnisse über den Charakter von g-Strophanthin
(Ouabain) als körpereigenes Hormon und seine Wirkung haben
bisher nicht dazu geführt, daß g-Strophanthin für
therapeutische Anwendungszwecke vorgeschlagen wurde, die über die
traditionelle Verwendung als typisches Arzneimittel zur
Behandlung von Herzerkrankungen (Herzinsuffizienzen, akutes
Herzversagen, Altersherz) hinausgehen.
Gemäß der vorliegenden Erfindung wird eine derartige neue
Verwendung von g-Strophanthin gelehrt und beansprucht, wobei
die Patentansprüche die neue Verwendung in Formulierungen
gemäß der deutschen Praxis bzw. der Praxis des europäischen
Patentamts wiedergeben.
Am Ausgangspunkt der erfindungsgemäßen Lehre zur neuartigen
Verwendung von g-Strophanthin stand die in dieser Form der
Fachliteratur nicht entnehmbare Überlegung, daß die
festgestellte Erhöhung des endogenen Hormons unter Streßreaktionen
dann, wenn die auslösenden Einflüsse über längere Zeiträume
fortbestehen, zu einem Mangel an endogenem Hormon führen,
und zwar in Form chronischer Erschöpfungszustände der
Speicher- bzw. Bildungsorgane für das endogene Hormon. Tritt ein
solches Erschöpfungssyndrom in Form einer
Nebennierenrindeninsuffizienz oder einer streßinduzierten hypothalamischen
oder hypophysären Insuffizienz auf, kommt es zu
Fehlregulationen, die sich als latente oder manifeste Herzinsuffizenz,
Volumenüberlastung des Körpers durch fehlende Natriurese und
Blutdruckabfall äußern können.
Störungen, die mit einer Unterfunktion der Nebennierenrinde
verbunden sind, sind bisher bekannt als Morbus Addison mit
Schwäche, Hypotonie, Gewichtsverlust, Hypotension,
Salzhunger, Diarrhoe, Obstipation, und anderen Symptomen.
Bisher erfolgt die Behandlung eines
Nebennierenrindenerschöpfungssyndroms durch externe Zufuhr von Glukokortikoiden
und/oder Mineralo-Kortikoiden (ähnlich wie Aldosteron
wirkenden Substanzen als Substitutionsbehandlung). Liegen als
Grundkrankheiten erhöhte Flüssigkeitsretention und/oder
Herzmuskelschwäche vor, sind Diuretika und oder
Digitalis-Präparate Mittel der Wahl. Außerdem werden in jüngerer Zeit
häufig Angiotensin-II-Converting-Enzyme(ACE)-Hemmstoffe
verwendet.
Die Verabreichung von g-Strophanthin (Ouabain) beim
Auftreten der beschriebenen Symptome gehört bisher noch nicht
zu den in diesem Zusammenhang angewandten und/oder
diskutierten Behandlungen.
Durch die erfindungsgemäße neuartige Verwendung von
g-Strophanthin wird der durch chronische Streß- und
Erschöpfungszustände bewirkte Mangel an endogenem Hormon ausgeglichen.
Im Gegensatz zu einer Anwendung in parenteraler oder
intravenöser Form, wie sie gegen Herzinsuffizienzen und akutes
Herzversagen bevorzugt wird, steht bei der erfindungsgemäßen
neuen Verwendung, die im wesentlichen der Wiederauffüllung
der endogenen Hormonspeicher dient, die perorale
Verabreichung im Vordergrund. Es können zu diesem Zweck die o.g.
Strodival®-Arzneimittel-Kapseln verwendet werden, es können
jedoch auch neue, speziell angepaßte Arzneimittelformen für
die erfindungsgemäße neuartige Verwendung geschaffen werden.
Es ist davon auszugehen, daß für die neue Verwendung
g-Strophanthin in individuell angepaßten Tagesdosen (R) oral
verabreicht werden kann, die im Bereich von 9 bis 24 mg pro
Tag liegen.