Die vorliegende Erfindung liegt auf dem Gebiet der
Einzeltreibmittelzusammensetzungssysteme, beispielsweise zum Vortrieb
eines Raumfahrzeugs, als Nottreibmittel in Düsenjägern oder als
Notgaserzeugungssystem für Unterseeboote.
Vortrieb von Raumfahrzeugen ist definiert als derjenige,
der zur Orientierung (Lageregelung) und zur Positionierung
(Bahnregelung einschließlich Verlassen der Umlaufbahn) des
Raumfahrzeugs nach der Einbringung in die erforderliche Umlaufbahn
durch das Startfahrzeug benötigt wird. Dies ist völlig getrennt
und unabhängig von dem Vortrieb der Startvorrichtung. Der Bedarf
nach Vortrieb des Raumfahrzeugs beginnt mit dessen Loslösung von
dem Startfahrzeug und endet am Ende seiner Nutzungsdauer.
Üblicherweise wird der Auftrag des Raumfahrzeugs dadurch beendet,
dass sein Treibmittel zur Neige geht.
Typische Anforderungen an die Lage- und Bahnregelung sind
sehr niedriger Schub (typischerweise 0,1 N), ein gepulster
Betriebsmodus zur Lageregelung, ein kontinuierlicher Betriebsmodus
zur Bahnregelung, und genaue und wiederholbare Leistung und
zuverlässiger leckfreier Betrieb. Zum Verlassen der Umlaufbahn
kann der Schub höher sein.
Der Vortrieb in diesem Bereich wird unter anderem durch
sogenannte Einzeltreibmitteltriebwerke erreicht, wobei ein
Treibmittel katalytisch oder thermisch in heiße Gase zersetzt
wird, die dann durch eine Düse expandiert werden. Im Bereich der
Einzeltreibmittele sind momentan traditionell Wasserstoffperoxid
und Hydrazin verwendet worden. Sie liefern einen spezifischen
Impuls von jeweils 1872 beziehungsweise 2266 m/s bei einem
Expansionsverhältnis von 50, einem Umgebungsdruck von Null, einem
Kammerdruck von 1 MPa und bei Ausströmungsbedingungen im
chemischen Gleichgewicht.
Beide Systeme haben jedoch einige Nachteile.
Wasserstoffperoxid ist für seine Instabilität und sein
Selbstzersetzungsverhalten bekannt. Die Nachteile von Hydrazin sind seine
Toxizität und Entzündlichkeit.
Diese Aspekte von momentan verwendeten Einzeltreibmittelen
stellen somit Anforderungen an Produktion, Transport, Lagerung,
Handhabung und Entsorgung auf hohem Niveau, die daher teuer
sind.
Die gleichen Probleme treten bei Nottreibmitteln für
Düsenjäger (Notfallstart des Motors nach Brennschluss) und
Unterseebooten (Leeren von Ballasttanks in Notsituationen durch
Gaserzeugung) auf.
Es ist eine der Aufgaben der vorliegenden Erfindung, eine
Einzeltreibmittelzusammensetzung zum Vortrieb in der Raumfahrt
und für die anderen oben beschriebenen Anwendungen zu liefern,
die die Nachteile des Systems des Standes der Technik nicht
haben. Eine weitere Aufgabe liegt in der Schaffung einer stabilen,
sauberen, weniger toxischen und/oder weniger entzündlichen
Einzeltreibmittelzusammensetzung. Es ist auch eine Aufgabe, eine
Einzeltreibmittelzusammensetzung zum Vortrieb von Raumfahrzeugen
zu liefern, die zu einer Erleichterung der Anforderungen und
daher einer Reduktion der Kosten und der Startvorbereitungszeit
führen kann.
Die vorliegende Erfindung basiert auf dem überraschenden
Fund, dass bekannte feste energiereiche Oxidatoren, wie
Hydraziniumnitroformiat und Ammoniumdinitramid, bei Auflösung in Wasser
ein flüssiges Einzeltreibmittelsystem mit einem spezifischen
Impuls liefern, der gleich dem spezifischen Impuls der
konventionellen Einzeltreibmittel sein kann, ohne deren Nachteile
aufzuweisen.
Die Erfindung betrifft demzufolge eine Lösung von
Hydraziniumnitroformiat und/oder Ammoniumdinitramid in Wasser und/oder
niederem Alkanol als Einzeltreibmittelzusammensetzung,
insbesondere zum Vortrieb in Raumfahrzeugen. Die Menge an Wasser und/
oder (niederem) Alkohol in dem System sollte so sein, dass das
System flüssig ist, wodurch der untere Wert der Wassermenge
bestimmt wird. Andererseits sollte ausreichend
Hydraziniumnitroformiat und/oder Ammoniumdinitramid in dem System vorhanden
sein, um den erforderlichen Impuls zu liefern. Aufgrund der Art
des Vortriebs des Raumfahrzeugs sollte dieser spezifische Impuls
im Treibmittelsystem so hoch wie möglich sein, um die
Lebensdauer des Satelliten zu verlängern.
Gemäß einer bevorzugten Ausführungsform wird
Hydraziniumnitroformiat in Wasser verwendet. In einer anderen Ausführungsform
des erfindungsgemäßen Treibmittel systems kann außerdem eine
Menge an organischem Lösungsmittel verwendet werden, beispielsweise
ein (niederer) Alkanol, wie Methanol, Ethanol, Propanol oder
Butanol. Es ist gefunden worden, dass dies den spezifischen Impuls
des Einzeltreibmittels erhöht. Die Alkanolmenge in der Lösung
liegt vorzugsweise zwischen 0 und 70 Gew.-%, wobei Methanol und/
oder Ethanol bevorzugt sind.
Ein besonders bevorzugtes System besteht aus 25 bis 75 Gew.-%
Hydraziniumnitroformiat, 5 bis 50 Gew.-% Wasser und 0
(insbesondere 5) bis 25 Gew.-% (niederem) Alkanol.
Erfindungsgemäß ist es auch möglich, andere Additive in das
Treibmittelsystem in das Treibmittelsystem einzuschließen,
einschließlich, jedoch nicht begrenzt auf Solubilisierungsmittel,
Dampfdruckverringerungsmittel und Leistungsverbesserungsmittel.
In einer anderen Ausführungsform betrifft die vorliegende
Erfindung ein Verfahren zum Orientieren und Positionieren eines
Raumfahrzeugs, nachdem es durch ein Startfahrzeug in die normale
Umlaufbahn gebracht worden ist, durch die Verwendung eines
Raumfahrzeugvortriebssystems, das auf Einzeltreibmitteltriebwerken
basiert, wobei zum Vortrieb das oben erörterte Einzeltreibmittel
verwendet wird.
Hydraziniumnitroformiat und Ammoniumdinitramid sind
bekannte energiereiche feste Oxidatoren. Die Verwendung von
Hydraziniumnitroformiat als Bestandteil in
Hochleistungstreibmittelkombinationen für Raketenmotoren ist beispielsweise in EP-A-350 136
offenbart. Ein Produktionsverfahren für Hydrazinnitroformiat ist
ferner in der internationalen Patentanmeldung WO-A-94/10104
offenbart. Ammoniumdinitramid ist auch ein bekanntes Material,
dessen Herstellung beispielsweise in WO-A-94/24073 offenbart
ist.
Die erfindungsgemäßen Einzeltreibmittel können in
konventioneller Weise zum Vortrieb eines Raumfahrzeugs in bestehenden
Systemen verwendet werden, wobei zu beachten ist, dass aufgrund
der Eigenschaften des Systems weniger strengere Anforderungen
hinsichtlich Lagerung, Transport und Handhabung möglich sind.
Die Verwendung des Einzeltreibmittelsystems als Nottreibmittel
in Düsenjägern und in Notfallgaserzeugungssystemen für
Unterseeboote liegt innerhalb des erfindungsgemäßen Bereichs.
Beschreibung der Figur
Die Figur zeigt einen Vergleich des spezifischen Impulses
von verschiedenen Treibmittelsystemen.
Der spezifische Impuls verschiedener erfindungsgemäßer
Einzeltreibmittelsysteme ist mit den Werten für eine wässrige
Lösung von Ammoniumdinitramid und Hydraziniumnitroformiat in
Wasser mit 50 Gew.-% Wasser verglichen worden. In der folgenden
Tabelle und in der Figur wird der spezifische Impuls für ein
Expansionsverhältnis von 50 und einen Kammerdruck von 1 MPa, einen
Umgebungsdruck von Null und Ausströmungsbedingungen im
chemischen Gleichgewicht gegeben.
Tabelle 1
Verfahren für Produktion, Transport, Lagerung, Handhabung
und Entsorgung. Durch Erhöhung der Menge an gelöstem Oxidator
kann die Leistung weiter erhöht werden. Wenn Brennstoffe wie
(niedere) Alkanole zugesetzt werden, ist eine Leistung möglich,
die gleich derjenigen von Hydrazin ist oder diese übertrifft.
In der angefügten Figur wird der spezifische Impuls für
verschiedene Zusammensetzungen von Hydraziniumnitroformiat in
Wasser unter Verwendung verschiedener Konzentrationen,
Ammonium
dinitramid in Wasser unter Verwendung verschiedener
Konzentrationen und für eine Kombination aus Hydraziniumnitroformiat,
Ethanol und Wasser angegeben.
Anspruch[de]
1. Einzeltreibmittelzusammensetzung zum Vortrieb und/oder zur
Gaserzeugung, die eine Lösung von Hydraziniumnitroformiat
(HNF) und/oder Ammoniumdinitramid (ADN) in Wasser und/oder
organischem Lösungsmittel umfasst, und wobei die Menge an
HNF und/oder ADN 25 bis 95 Gew.-% der Zusammensetzung
beträgt.
2. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach Anspruch 1, die
Wasser und eine Menge an organischem Lösungsmittel umfasst.
3. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach Anspruch 2, bei der
das Lösungsmittel Alkanol ist, vorzugsweise C&sub1;- bis
C&sub4;-Alkanol.
4. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach Anspruch 3, bei der
das Alkanol Methanol und/oder Ethanol ist.
5. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach Anspruch 3 oder 4,
bei der die Menge an Alkanol höchstens 70 Gew.-% beträgt.
6. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach den Ansprüchen 1 bis
5, die aus 25 bis 75 Gew.-% Hydraziniumnitroformiat, 5 bis
50 Gew.-% Wasser und 0 bis 25 Gew.-% C&sub1;- bis C&sub4;-Alkanol
besteht.
7. Einzeltreibmittelzusammensetzung nach den Ansprüchen 1 bis
6, die ferner Solubilisierungsmittel,
Dampfdruckverminderungsmittel und/oder Leistungsverbesserungsmittel umfasst.
8. Verwendung einer Zusammensetzung aus
Hydraziniumnitroformiat und/oder Ammoniumdinitramid gemäß den Ansprüchen 1 bis
7 als Treibmittel zum Vortrieb eines Raumfahrzeugs.
9. Verwendung einer Zusammensetzung aus
Hydraziniumnitroformiat und/oder Ammoniumdinitramid gemäß den Ansprüchen 1 bis
7 als Nottreibmittel in Düsenjägern.
10. Verwendung einer Zusammensetzung aus Hydrazinnitroformiat
und/oder Ammoniumdinitramid gemäß den Ansprüchen 1 bis 7
als Notgaserzeugungssystem für Unterseeboote.
11. Verfahren zum Orientieren und Positionieren eines
Raumfahrzeugs, nachdem es durch ein Startfahrzeug in die normale
Umlaufbahn gebracht worden ist, durch die Verwendung eines
Raumfahrzeugvortriebssystems, das auf
Einzeltreibmitteltriebwerken basiert, wobei zum Vortrieb das
Einzeltreibmittel gemäß Anspruch 1 bis 7 verwendet wird.
12. Verwendung einer Zusammensetzung, die eine Lösung von HNF
und/oder ADN umfasst, zum Vortrieb und/oder zur
Gaserzeugung.