Zur Gewinnung der Bastfasern (Sklerenchymfasern) beispielsweise aus
den Stengeln von Hanf und Flachs bedient man sich heute zweierlei gängiger Verfahren,
der Feld- oder Tauröste und der sog. Wasserröste. Es sind auch weitere Verfahren
bekannt, die allerdings heute nicht mehr angewendet werden, beispielsweise die Grubenröste.
(Lit.: Dombroth, Seehuber: Flachs – Züchtung, Anbau, Verarbeitung,
Stuttgart 1988; V. Grafe: Chemische Technologie der Zellulose und Zellulosine, Stuttgart
1928) Der Sinn dieser Verfahren besteht darin, die Holzbestandteile des Stengels
durch Mikrobeneinwirkung (rösten) so weit von der Rinde mit den dort enthaltenen
Sklerenchymfasern zu trennen, um auf mechanischem Wege (durch brechen, riffeln und
kämmen) die Sklerenchymfasern zu gewinnen.
Das ältere Verfahren ist die Wasserröste (anaerobische Röste). Die
geernteten und getrockneten Pflanzenstengel werden meist bündelweise in Becken oder
Flüssen unter Wasser gehalten. Die Mikroben befinden sich auf den Pflanzen. Nach
einer gewissen Einwirkzeit werden die Mikroben aktiv, die vorwiegend das als Kittsubstanz
vorhandene Pektin und Lignin in der Pflanzenrinde abbauen. Der Vorgang ist temperaturabhängig.
Bei Flachs beispielsweise ist die optimale Wasser-Temperatur 37° C, die Röste
ist bei dieser Temperatur ungefähr nach 120 Std. abgeschlossen.
Bei niedrigeren Temperaturen, beispielsweise in Flüssen, kann der
Röstvorgang auch mehrere Wochen dauern. Temperaturen wesentlich über 50° C werden
nicht angewendet, weil damit die Gefahr der Verkleisterung der Begleitsubstanzen
gegeben ist.
Nach dem Rösten werden die Pflanzenstengel getrocknet und dem Brechvorgang
(beispielsweise auf einer Schwinge) unterworfen; dabei lösen sich die Bastfasern
von den Holzbestandteilen. Bei dem organischen Abbau der Begleitsubstanzen entstehen
Nebenprodukte wie beispielsweise Buttersäure, die eine Belastung der Umwelt bzw.
des Abwassers verursachen. Aus diesem Grunde wird die Wasserröste in Europa nicht
mehr angewendet, obwohl die Qualität der Fasern allen Ansprüchen, vor allem der
Spinnfähigkeit der Fasern entspricht. Zum anderen ist dieses Verfahren weitgehend
unabhängig vom Witterungsverlauf, so dass die Ernteausfälle geringer sind als bei
der Tauröste.
Für technische und textile Anwendungen sind die Fasern ohne zusätzliche
Waschbehandlung oder Bleiche wegen der Geruchsbildung, vorwiegend Buttersäure, nicht
einsetzbar.
Bei der Feld- oder Tauröste wirken aerobisch arbeitende Bakterienstämme
auf die Begleitsubstanzen. Die Pflanzenstengel werden nach dem Raufen oder Mähen
parallel oder im Schwad auf dem Feld zur Röste ausgelegt. Während der Röstdauer
werden zur Vergleichmäßigung der Röste in gewissen Zeitabständen die Pflanzenstengel
gewendet. Der Röstvorgang kann bis zu mehreren Wochen dauern. Eine Übenöste führt
zum vollkommenen Ernteverlust, da sich dann die Bastfasern zu Elementarfasern auflösen.
Ein Entholzungsvorgang ist dann nicht mehr möglich. Eine ausgeglichene Wechselwirkung
von Feuchtigkeit (Nachttau) und Trocknung sind die Voraussetzung für den Röstablauf.
Das Erreichen eines optimalen Röstgrades ist deshalb stark von den Witterungsbedingungen
abhängig.
Eine typische Eigenart der feldgerösteten Bastfasern ist ihr Grauton,
der durch die Kathalasen der Bakterien entsteht. In der Textilindustrie für Bekleidung
ist dieser Grauton zum Teil erwünscht, bei der technischen Anwendung der Fasern
hat er sich als Nachteil herausgestellt. Die Faser hat durch die Feldröste einen
Fäulnisgeruch angenommen. Dieser und der Verkokungsgeruch, der beim Heißverpressen
in Faserverbundwerkstoffen entsteht, schränkt die Anwendung als technische Faser
ein.
Gegenüber der Wasserröste hat die Tauröste ökologische Vorteile, da
keine Luft- und Wasserbelastung durch den Röstvorgang entsteht. Die Tauröste hat
den Nachteil der Witterungsabhängigkeit, womit ein erhebliches Ernterisiko verbunden
ist, das zu gesamten Ernteausfällen führen kann.
Der Erfindung liegt daher die Aufgabe zugrunde, ein "Röst"-Verfahren
zur Verfügung zu stellen bei dem die Nachteile der bekannten Verfahren vermieden
werden. Dies drückt sich in folgenden Eigenschaften aus:
- 1. Vermeidung des Ernterisikos
- 2. Reduzierung bzw. Vermeidung des Geruchs und des Fogging der Fasern bedingt
durch weitgehende Befreiung der Fasern von Begleitsubstanzen wie Pektin und Lignin
oder deren Abbauprodukte wie beispielsweise Kathalasen.
- 3. Ausreichender Weißgrad für technische Anwendungen der Faser bedingt durch
weitgehende Befreiung der Fasern von Begleitsubstanzen wie Pektin und Lignin oder
deren Abbauprodukte wie beispielsweise Kathalasen.
- 4. Hohe Faserfestigkeit
- 5. Gleichmäßiger industrieller Produktionsstandard
Diese Aufgabe wird durch ein hydrolytisches Verfahren gelöst, das
die Aufgabe hat, die wasserlöslichen und wasserunlöslichen calcium-pektinhaltigen
Substanzen und die Ligninsubstanzen sowie andere Begleitsubstanzen auf der Oberfläche
der Fasern und wenn erforderlich an den Mittellamellen vollständig oder nahezu vollständig
zu beseitigen oder zu lösen. Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass die
Pflanzenstengel nach dem Mähen oder Raufen nur getrocknet und nicht feldgeröstet
oder nur gering feldgeröstet werden und so dem Brechvorgang zum Entholzen zugeführt
werden. Die Entholzung (Vorentholzung) und Aufspaltung der Bastfaserbündel zu Bastfasern
erfolgt auf Grund der Haftung (Verklebung) zwischen den Faserbündeln und dem Holz
nur unvollkommen.
Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass das vorentholzte Fasermaterial
in Winlage auf dem Feld oder einer Wiese ausgebreitet wird und durch wechselweise
Einwirkung von Sonneneinstrahlung und Regen hydrolisiert und gebleicht wird. Bei
starker und dauernder Sonneneinstrahlung kann der Hydrolysevorgang durch zeitweises
Besprühen mit Wasser beschleunigt werden. Eine Röste, d.h. eine Einwirkung von Bakterien
findet nicht oder fast nicht statt. Auf Grund der groben Faserstruktur und damit
lose liegenden vorentholzten Fasermaterials erfolgt die Trocknung zwischenzeitlich
und endgültig sehr kurzfristig, wodurch u.a. das Bergungsrisiko weitgehend ausgeschaltet
wird. Der Hydrolysevorgang ist längstens nach 8 Wochen, frühestens nach 2 Wochen
abgeschlossen, in der Regel nach 3 Wochen.
Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass die Fasern nach der
Hydrolyse und Trocknung entweder direkt zur Halbzeugherstellung, wie beispielsweise
Trockenvliese als Nadelvlies, benutzt werden oder aber einem Schneid- und/oder Kardier-
und/oder Kämmprozess unterworfen werden.
Bei einer Kardierung oder zusätzlichen Kämmung werden die Bastfaserbündel
zu Bastfasern vereinzelt und die noch lose anhaftenden Begleitsubstanzen, wie beispielsweise
Parenchymfasern, von den Fasern getrennt und beseitigt. Bei einer intensiven Hydrolyse
ist die mechanische Aufspaltung der Bastfasern zur Elementarfasern, d.h. zu Einzelzellen
möglich.
Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass der Eigengeruch der
Fasern beseitigt, oder zumindest fast gänzlich beseitigt wird.
Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass durch die Hydrolyse
die Fasern so weit freigelegt werden, dass ein ev. vorgesehener Bleichprozess, wie
beispielsweise nach DP 44 20 221, extrem
verkürzt werden kann. Die Prozesszeit des Bleichens wird auf wenige Minuten reduziert.
Beispiel 1
Grünhanf vorentholzt der Fa. HVG GmbH & Co.KG, Großenkneten-Huntlosen,
Ernte 2001, Faserlänge bis 30 cm, im Schwad auf Wiese ausgelegt.
Feldhydrolyse im Jahre 2001, 8 Wochen mit dreitäglicher Besprühung
mit Wasser während der Sonnentage, jeweils nach Trocknung gewendet.
Das Fasermaterial zeigte nach der Hydrolyse einen leicht hellgrauen
Ton und war von den Begleitsubstanzen so weit befreit, dass die restlichen Begleitsubstanzen
bei dem folgenden Kardierprozess abgeschert wurden. Es fand eine gute Vereinzelung
der Bastfasern statt, so dass ein Faserband gebildet werden konnte.
Beispiel 2
Grünhanf vorentholzt der Fa. VERNARO GmbH, Gardelegen, Ernte 2001,
geschnitten auf 80 mm, im Schwad auf Wiese ausgelegt.
Feldhydrolyse im Jahre 2002, 3 Wochen mit dreitäglicher Besprühung
mit Wasser während der Sonnentage, jeweils nach Trocknung gewendet.
Das Fasermaterial zeigte nach der Hydrolyse einen hellen leicht gelblichen
Holzton und war von den Begleitsubstanzen befreit und geruchlos. Bei der Krempelung
zum Vlies spalteten sich die Bastfaserbündel weitgehend zu Einzelfasern auf.
Beispiel 3
Grünflachs vorentholzt der Fa. Naturfaser GmbH, Pritzwalk, Ernte 2001,
Faserlänge bis 40 cm, im Schwad auf Wiese ausgelegt.
Feldhydrolyse im Jahre 2001, 8 Wochen mit drei- bis viertäglicher
Besprühung mit Wasser während der Sonnentage, jeweils nach Trocknung gewendet.
Das Fasermaterial zeigte nach der Hydrolyse einen leicht gelblich-grauen
Ton und war von den Begleitsubstanzen so weit befreit, dass die restlichen Begleitsubstanzen
bei dem folgenden Riffel- und Kardierprozess herausgelöst wurden. Es fand eine gute
Vereinzelung der Bastfasern statt, so dass ein Faserband gebildet werden konnte.
Eine folgende Bleiche bei pH 10 mittels Natronlauge und H2O2
war nach 5 Minuten abgeschlossen mit einem Weißgrad von 70 nach ISO.