Die vorliegende Erfindung betrifft ein Zwischenprodukt für die Herstellung
von Polymerisaten aus Ligninderivaten, die bei der Zellstoffproduktion anfallen,
sowie die Verwendung dieser Zwischenprodukte bei der Herstellung von hochaktiven
Reagentien für die Herstellung von Verbundwerkstoffen aus pflanzlichen Fasern, wasserfesten
Papieren und Pappen sowie Duroplasten aus Ligninderivaten.
In der DE 3037992 ist ein Verfahren zur Herstellung eines Bindemittels
für Holzwerkstoffe unter Verwendung von phenolischen Stoffen, insbesondere Ligninsulphonat,
beschrieben, bei dem zwecks Aktivierung der phenolische Stoff mit Enzymen versetzt
wird, die Phenole nach einem Radikalmechanismus oxidativ polymerisieren, wobei der
phenolische Stoff in ein aktives Bindemittel umgeformt wird. Es war zwar bekannt,
daß diese Reaktion in Gegenwart von Sauerstoff, z.B. Luftsauerstoff, abläuft,
aber bisher war ein solches aktiviertes Bindemittel nicht längere Zeit oder durch
intensives Belüften mit Sauerstoff umgesetzt worden.
Überraschenderweise wurde gefunden, daß aus der Zellstoffindustrie
stammende Ligninderivate, wie beispielsweise Kraftlignin oder Ligninsulfonat, mit
dem phenoloxidierenden Enzym Laccase, bei intensiver oder langandauernder Umsetzung
mit Sauerstoff, Luft oder anderen chemischen Oxidationsmitteln ein besonders reaktionsfähiges
Ligninprodukt als Zwischenprodukt bildet. Dieses kann isoliert und längere Zeit
gelagert werden und reagiert mit weiteren, nicht aktivierten Ligninderivaten zu
einem hochmolekularen Polymerisat weiter. Das Zwischenprodukt kann dadurch charakterisiert
werden, daß das Material mit Laccase umgesetzt wird. Es weist nach dieser
Reaktion ein typisches ESR-Spektrum mit einem Signal für Phenoxyradikale im Bereich
von ca. 3400 Gauss auf, welches aber als typisches Radikalsignal auf Dauer nicht
beständig erhalten bleibt. Überraschenderweise bleibt aber die erhöhte Reaktivität
des Zwischenprodukts auch nach langen Zeiträumen. wie beispielsweise nach Monaten,
noch erhalten. Das heißt, daß dieses aktivierte Zwischenprodukt beim
Umsatz mit phenoloxidierenden Enzymen erheblich aktiver ist als nicht vorbehandelte
Ligninderivate und demgemäß das typische ESR-Spektrum in wesentlich höherer
Intensität ausbildet als nicht derart vorbehandelte Ligninderivate.
Die Intensität des Signals des aktivierten Zwischenprodukts beträgt
zumindest mehr als das Fünffache des Signals des als Ausgangsprodukt dienenden Ligninderivats.
Das Signal wird beispielsweise unter folgenden Bedingungen gemessen:
77°K; 9,5 Ghz, ESR-Dämpfung 20 dB, Mod.-Freq. 100 Mhz; Mod. Amplitude 4,0 Gauss.
Das aktivierte Zwischenprodukt kann erhalten werden, indem technische
Lignine, wie beispielsweise Ligninsulfonat, Kraftlignin, Organosolvlignin, Acetosolvlignin,
ASAM-Lignin, die bei der Zellstoffproduktion anfallen, längere Zeit in Gegenwart
von phenoloxidierenden Enzymen mit Luft oder Sauerstoff behandelt werden. Bereits
nach einem Zeitraum von beispielsweise ca. drei Stunden, insbesondere aber nach
15 oder 20 Stunden, ist eine Erhöhung des Phenoxyradikal-Signals festzustellen.
Beim Durchleiten von Luft oder Sauerstoff unter Druck tritt das erhöhte Signal bereits
nach wesentlich kürzererZeitauf, nach 10 min oder beispielsweise ca. 30 min.
Die enzymatische Bildung des aktivierten Zwischenprodukts ist nur
in Gegenwart größerer Mengen Sauerstoff möglich. Da sich bei Zimmertemperatur
in Wasser nur 9 mg/l Sauerstoff lösen, wird die Bildung des Zwischenprodukts nur
durch erhöhte Zufuhr von Sauerstoff, entweder durch Belüften oder durch Zugabe von
Oxidationsmitteln, begünstigt. Auch wenn sich das Sauerstoff-Gleichgewicht über
einen längeren Zeitraum einstellt, kann nach einiger Zeit genügend Sauerstoff auf
das Ligninderivat eingewirkt haben.
Das aktivierte Zwischenprodukt reagiert in Gegenwart von phenoloxidierenden
Enzymen beispielsweise mit nichtaktivierten Ligninderivaten, wie sie beispielsweise
aus der Zellstoffproduktion gewonnen werden können, unter Ausbildung von polymeren
Ligninprodukten, wobei die erhaltenen Molgewichte wesentlich höher sind als jene,
die bei der Einwirkung von phenoloxidierenden Enzymen auf Ligninderivate ohne die
Gegenwart aktivierter Ligninderivate erhalten werden.
Sie liegen im allgemeinen mindestens um das Doppelte höher.
Die bei der Polymerisation von Ligninderivaten in Gegenwart der aktiven
Zwischenprodukte erhaltenen Ligninpolymere lassen sich für die Herstellung von hochaktiven
Reagentien für die Herstellung von Verbundwerkstoffen aus pflanzlichen Fasern, wasserfesten
Papieren und Pappen sowie Duroplasten aus Ligninderivaten. verwenden. Damit ist
es erstmals möglich, faserverstärkte Duroplaste ganz durch in situ - Polymerisation
aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen.
Das aktivierte Lignin weist gegenüber dem als Ausgangsmaterial verwendeten
Lignin ein ESR-Spektrum mit wesentlich erhöhter Intensität des Phenoxyradikal-Signals
auf. Dies wird durch die Figuren 1 und 2 dargestellt. Figur 1 zeigt ein ESR-Spektrum
von 1 % Ligninsulfonat mit Zusatz von Laccase ( 4 U/ml nach 30 minütiger Inkubation
ohne Sauerstoffbehandlung. Figur 2 zeigt das entsprechende Spektrum von Ligninsulfonat,
das 20 Stunden unter erhöhter Sauerstoffzufuhr mit Laccase inkubiert und anschließend
autoklaviert und drei Monate gelagert wurde. Nach erneuter Inkubation mit Laccase
( 4 U/ml, 30 min. Inkubation ohne Sauerstoffbehandlung) zeigt der Vergleich des
stärksten Signals bei ca. 3400 Gauss mit den Hintergrundsignalen. daß gegenüber
der Figur 1 die Intensität des Phenoxyradikal-Signals um mindestens das Fünffache
verstärkt wurde.
Die Reaktivität des entstehenden Zwischenprodukts ist derart hoch,
daß selbst Ligninsulfonat, ein Polymer mit einer äußerst hohen Wasserlöslichkeit,
ein wasserunlösliches Produkt bildet.
Die Erfindung wird nachfolgend anhand der Beispiele näher erläutert:
BEISPIEL 1
20 g Ligninsulfonat werden in 80 ml McIlvaine-Puffer, pH 5,5 gelöst
und mit 800 U/ml Laccase versetzt. Die Lösung wird ein einem 500 ml Erlenmeyerkolben
bei 37°C im Wasserbad für 20 Stunden geschüttelt. Die Lösung wird anschließend
autoklaviert. Das erhaltene Ligninsulfonat wird zwei Monate gelagert. Nach erneuter
Inkubation mit Laccase ( 4 U/ml, 30 min. Inkubation ohne Sauerstoffbehandlung) hat
es das ESR-Spektrum gemäß Fig 2.
BEISPIEL 2
Aktiviertes Ligninsulfonat nach Beispiel 1 wird im Verhältnis 1 :
10 mit Kraftlignin versetzt und mit einer Konzentration von 100 mg/10 ml in Puffer
suspendiert und im verschlossenen Reagenzglas, ohne besondere Sauerstoffbehandlung,
mit Laccase ( 500 U /ml) für 6 h inkubiert. Parallel dazu wurden entsprechende Kontrollversuche
mit nichtaktiviertem Lginin und Inkubationen ohne Laccase durchgeführt. Die Lignine
wurden anschließend isoliert und die Molekulargewichtsverteilung in der HPLC
gemessen.
Dabei wurden die folgenden Molekulargewichte ermittelt:
nichtaktiviertes Kraftlignin
5.400 g/Mol
nichtaktiviertes Kraftlignin inkubiert mit Laccase
6.300 g/Mol
nichtaktiviertes Kraftlignin plus aktiviertes Lignin ohne Laccase
6.000 g/Mol
nichtaktiviertes Kraftlignin plus aktiviertes Lignin inkubiert
mit Laccase
11.000 g/Mol
BEISPIEL 3
Eine Ligninsuspension bestehend aus:
- 80 ml McIlvain Puffer pH 4,5
- 16,5 g Kraftlignin
- 4 g Ligninsulfonat
wurde mit konzentrierter Laccase auf eine Endkonzentration von 800 U/ml eingestellt
und mit Preßluft für 3 h belüftet und gerührt. Die so erhaltene Lösung wurde
auf Baumwollgewebe aufgebracht, wie es für die Herstellung von thermoplastischen
Verbundwerkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen üblicherweise verwendet wird, und
an der Luft getrocknet. Die nachfolgende Untersuchung des Produkts ergab einen Beleimungsgrad
von 42 % atro Lignin bezogen auf atro Faser.
Um den Bindungsgrad des aufgebrachten Lignins zu ermitteln, wurde
das beschichtete Gewebe für drei Stunden in Wasser bzw. in 0,1 m NaOH inkubiert
und anschließend die Menge an gelöstem Lignin bestimmt. Durch die Wasserbehandlung
lösten sich 2 % (w/w), durch die Behandlung mit Alkali 30 % (w/w) des aufgebrachten
Lignins von der Baumwollfaser wieder ab.
BEISPIEL 4
Nach dem in Beispiel 3 angegebenen Verfahren beschichtete Baumwollfaser
wurde im Hochvakuum mit Gold besputtert und in einem Raster Elektronenmikroskop
untersucht.
Figur 3, 4 und 5 zeigen, daß eine innige Verbindung zwischen
der Beschichtung und der Faser erkennbar ist, ohne daß dabei eine Übergangszone
sichtbar wird. Dies zeigt, daß die Beschichtung auf eine echte kovalente Bindung
zwischen dem Lignin und der Faseroberfläche zurückzuführen ist.
BEISPIEL 5:
20% Ligninleim bestehend aus:
- 80 ml McIlvain Puffer pH 4,5
- 16,5 g Kraftlignin
- 4 g Ligninsulfonat
wurden mit konzentrierter Laccase auf eine Endkonzentration von 800 U/ml eingestellt
und mit Preßluft für 3 h belüftet und gerührt. Nach 3 h wurde die Lösung mit
einer Laccaselösung (800 U/ml in Puffer pH 4,5) im Verhältnis 1 + 4 verdünnt und
beidseitig auf Filterpapier aufgebracht.
Die behandelten Papiere wurden über Nacht an der Luft getrocknet.
Die Papiere hatten einen Beschichtungsgrad von 9 % atro Lignin bezogen auf atro
Papier.
Danach wurde die Festigkeit der Beschichtung gegenüber Wasser und
0,1 M NaOH ermittelt und die Wasseraufnahme bestimmt.
Eine dreistündige Inkubation in Wasser bewirkte eine Ablösung des
Lignins um 3 % der aufgetragenen Menge, eine gleich lange Inkubation in 0,1 N NaOH
löste 31 % des Lignins von der Papieroberfläche ab.
Die beschichteten Papiere hatten im Vergleich zu den unbeschichteten
Kontrollen eine um 30 niedrigere Wasseraufnahme. Die Wasserreißfestigkeit
war deutlich verbessert: während das unbehandelte Papier sich in einzelne Fasern
auflöste, war das beschichtete Papier noch völlig intakt.
BEISPIEL 6
Nach dem in Beispiel 3 angegebenen Verfahren beschichtetes Papier
wurde im Hochvakuum mit Gold besputtert und in einem Raster Elektronenmikroskop
untersucht.
Fig. 6 läßt eine innige Verbindung zwischen der Beschichtung
und der Papierfaser erkennen, ohne daß dabei eine Übergangszone sichtbar wird.
Dies zeigt daß die Beschichtung auf eine echte kovalente Bindung zwischen
dem Lignin und der Faser zurückzuführen ist.
BEISPIEL 7:
Eine Lösung bestehend aus 80 ml McIlvain Puffer pH 4,5 und 20 g Ligninsulfonat
wurde mit konzentrierter Laccase auf eine Endkonzentration von 800 U/ml eingestellt
und für 25 h bei 37 °C im Wasserbad geschüttelt. Während der letzten Stunden stiegen
sowohl das Molekulargewicht (gemessen in der HPLC) als auch die Viskosität der Lösung
steil an (Fig. 7). Das so erhaltene Produkt war in Wasser, 0,1 m NaOH und in den
üblichen organischen Lösungsmitteln wie Ethanol, Ether, Aceton oder Ethylacetat
unlöslich.