Die vorliegende Erfindung betrifft eine pyrotechnische Zusammensetzung,
insbesondere zur Verwendung in Sicherheitseinrichtungen für Kraftfahrzeuge mit einer
Selbstzündungstemperatur zwischen 140 und 180 °C.
Die in Sicherheitseinrichtungen für Kraftfahrzeuge, beispielsweise
Gasgeneratoren für Gassackmodule, eingesetzten gaserzeugenden Mischungen sind in
der Regel thermisch stabil. Um die gaserzeugenden Mischungen bei hoher Umgebungstemperatur
z.B. im Falle eines Fahrzeugbrandes, kontrolliert anzuzünden, werden sogenannte
thermische Sicherungen oder Frühzündmischungen eingesetzt. Eine solche Frühzündmischung
ist notwendig, um zu vermeiden, daß sich die gaserzeugenden Mischungen bei außergewöhnlich
hohen Temperaturen unkontrolliert selbst entzünden. Bei hohen Temperaturen würden
die gaserzeugenden Mischungen nämlich nicht normal abbrennen, sondern aufgrund der
erhöhten Temperatur entsprechend beschleunigt und heftig, in ungünstigen Fällen
sogar explosionsartig reagieren. Ein Gasgeneratorgehäuse ist für diese beschleunigte,
heftig verlaufende Reaktion nicht ausgelegt und kann dabei zerstört werden. Die
Frühzündmischung sorgt dafür, daß die Umsetzung der gaserzeugenden Mischung unterhalb
einer kritischen Umgebungstemperatur thermisch ausgelöst wird. Sie verhindert in
einem solchen Fall durch die kontrollierte Anzündung und Umsetzung der gaserzeugenden
Mischung die Zerstörung des Gasgeneratorgehäuses und die damit verbundenen Gefahren.
Im Stand der Technik wurden bisher stabilisierte Nitrozellulosepulver
als pyrotechnische Frühzündmischungen eingesetzt. Diese weisen eine Selbstentzündungstemperatur
von 180 bis 200 °C auf. Die Nitrozellulosepulver genügen aber nicht den Stabilitätsanforderungen,
die von der Automobilindustrie gefordert werden. Nitrozellulose neigt dazu, sich
schon bei niedrigen Temperaturen langsam zu zersetzen und gewährleistet somit nicht
die Funktionsfähigkeit als Frühzündmischung über einen längeren Zeitraum, wie dies
bei Kraftfahrzeugen jedoch erforderlich ist.
Aus der EP 0 914 305 sind
thermische Sicherungen für gaserzeugende Mischungen bekannt, deren Selbstentzündungstemperaturen
von 150 bis 185 °C reichen. Diese pyrotechnischen Zusammensetzungen enthalten
beispielsweise 3-Nitro-1,2,4-triazol-5-on (NTO) sowie ein Oxidationsmittel, wie
z.B. Natriumnitrat. Eine handelsübliche Zusammensetzung besteht aus 40 Gew.-% Guanidinnitrat,
40 Gew.-% 3-Nitro-1,2,4-triazol-5-on (NTO) sowie 20 Gew.-% Natriumnitrat. Diese
Zusammensetzung zeigt bei einer Warmlagerung von 408 Stunden bei 110 °C einen
Gewichtsverlust von bis zu 2% und erfüllt somit die von der Automobilindustrie akzeptierten
Produktspezifikationen, nach denen Frühzündmischungen einer Warmlagerung über 400
Stunden bei 107 °C unter Erhalt der vollen Funktionsfähigkeit standhalten müssen.
Nachteilig sind jedoch die sehr hohen Kosten und die geringe Reaktionsheftigkeit
der bekannten Zusammensetzung. Um eine sichere Überzündung der aktivierten Frühzündmischung
auf die gaserzeugende Zusammensetzung zu gewährleisten, muß sie mit der Anzündmischung
für den Gasgenerator kombiniert werden, was zu Problemen bei der Verträglichkeit
von Frühzündmischung und Anzündmischung führen kann.
Der vorliegenden Erfindung liegt somit die Aufgabe zugrunde, pyrotechnische
Frühzündmischungen mit einer ausreichenden Reaktionsheftigkeit bereitzustellen,
die ausreichend lagerstabil und handhabungssicher sind, kostengünstig hergestellt
werden können und zur Verwendung in Sicherheitseinrichtungen für Kraftfahrzeuge
geeignet sind.
Gelöst wird die erfindungsgemäße Aufgabe durch eine pyrotechnische
Zusammensetzung mit einer Selbstentzündungstemperatur zwischen 140 und 180 °C,
die dadurch gekennzeichnet ist, daß die Zusammensetzung Hydroxybenzotriazol enthält,
wobei der Anteil des Hydroxybenzotriazols in der Zusammensetzung 25 bis 95 Gew.-%
beträgt.
Die Verwendung von Hydroxybenzotriazol in der erfindungsgemäßen Frühzundmischung
ist besonders vorteilhaft, da es leicht verfügbar, lagerstabil und gut handhabbar
ist. Außerdem läßt sich Hydroxybenzotriazol gut im Trocken- oder Naßprozeß, wie
er zur Herstellung von Frühzündmischungen eingesetzt wird, verarbeiten.
Die erfindungsgemäße Zusammensetzung kann darüber hinaus wenigstens
einen Zusatzstoff enthalten, der die Selbstentzündungstemperatur der Zusammensetzung
weiter absenkt. Der Zusatzstoff umfaßt vorzugsweise Schwefel und/oder eine anorganische
Schwefelverbindung, wobei der Anteil des Schwefels und/oder der anorganischen Schwefelverbindung
in der Zusammensetzung 1 bis 20 Gew.-% beträgt. Die anorganische Schwefelverbindung
ist bevorzugt aus der Gruppe der Sulfate, Sulfite, Thiosulfate, Thiosulfite, Disulfite,
Disulfate, Dithionite, Dithionate, Peroxosulfate, Peroxodisulfate, Thiocyanate,
Isothiocyanate, Sulfide und Polysulfide oder deren Mischungen ausgewählt.
Die Vorteile von Schwefel und anorganischen Schwefelverbindungen bestehen
darin, daß sie leicht verfügbar und kostengünstig sind. Außerdem sind Mischungen,
die Schwefel und/oder anorganische Schwefelverbindungen und Hydroxybenzotriazol
umfassen oder im wesentlichen daraus bestehen, einfach handhabbar und erfüllen alle
Vorraussetzungen, die für die Verwendung in Sicherheitseinrichtungen für Kraftfahrzeuge
erfüllt sein müssen. Sie sind insbesondere lagerstabil und weisen eine ausreichende
Reaktionsheftigkeit auf, die im Aktivierungsfall eine sichere Überzündung
gewährleistet. Die erfindungsgemäßen Frühzündmischungen können deshalb auch getrennt
von der Anzündmischung im Gasgenerator angeordnet sein, wodurch Probleme aufgrund
chemischer Unverträglichkeit von Frühzündmischung einerseits und Anzündmischung
oder Treibladung andererseits vermieden werden.
Je nach Bedarf kann die Zusammensetzung zusätzlich einen Brennstoff
und/oder einen Oxidator enthalten, die in der Mischung jeweils in einem Anteil von
bis zu 74 Gew.-% enthalten sein können.
Der Brennstoff ist bevorzugt aus der Gruppe der Guanidinverbindungen,
Triazole, Tretrazole, Bitetrazole, Dinitramide, wie z.B. Guanylureadinitramid, und
der Metalle, wie z.B. Bor oder Aluminium, sowie deren Mischungen ausgewählt.
Besonders bevorzugt handelt es sich bei dem Brennstoff um Guanidinnitrat,
Guanylureadinitramid oder Nitroguanidin.
Der Oxidator ist bevorzugt aus der Gruppe der Alkalimetall-, Erdalkalimetall-
oder Übergangsmetallnitrate, -nitrite, -perchlorate, -chlorate, -peroxide, Ammoniumnitrat,
Ammoniumperchlorat sowie der Übergangsmetalloxide und deren Mischungen ausgewählt.
Kaliumnitrat und Ammoniumperchlorat sind dabei besonders bevorzugt.
Ausgewählte Frühzündmischungen umfassen das Hydroxybenzotriazol in
einem Anteil von 30 bis 90 Gew.-% sowie den Schwefel und/oder die anorganische Schwefelverbindung
in einem Anteil von 1 bis 10 Gew.-%. Bevorzugt bestehen die Frühzundmischungen aus
30 bis 90 Gew.-% Hydroxybenzotriazol, 1 bis 10 Gew.-% Schwefel und/oder einer anorganischen
Schwefelverbindung, 0 bis 60 Gew.-% des Oxidators und 0 bis 20 Gew.-% des Brennstoffs.
Die Erfindung wird nachfolgend anhand einiger bevorzugter Ausführungsformen
beschrieben. Diese Beispiele sollen die Erfindung jedoch lediglich veranschaulichen,
nicht aber in einem einschränkenden Sinn verstanden werden.
Beispiel 1 bis 8 und Vergleichsbeispiel 9
Die in Tabelle I angegebenen, gemahlenen, festen Mischungsbestandteile
wurden in den angegebenen Gewichtsverhältnissen trocken miteinander vermischt und
zu Tabletten verpreßt.
Tabelle I: Zusammensetzung der Frühzündmischungen
Die Bestimmung der Selbstentzündungstemperatur erfolgte mittels Differential-Scanning-Kalorimetrie
der verschiedenen Frühzündmischungen sowohl vor der Einlagerung in einen Trockenschrank
wie auch nach Warmlagerung über 408 Stunden bei 110 °C. Die Reaktionsheftigkeit
der Frühzündmischungen wurde durch vergleichende subjektive Beurteilung bestimmt.
In Tabelle II sind die für die verschiedenen Frühzündmischungen ermittelten
Selbstentzündungstemperaturen, die Reaktionsheftigkeit sowie die auf eine Gasabspaltung
zurückzuführende Gewichtsänderung nach Warmlagerung angegeben.
Tabelle II: Eigenschaften der Frühzündmischungen
Vergleicht man den die prozentualen Werte für den Gewichtsverlust
nach Lagerung der erfindungsgemäßen Frühzündmischungen 1 bis 7 mit der Vergleichsmischung
9, so ist deutlich erkennbar, daß durch die Verwendung von Hydroxybenzotriazol als
Brennstoff oder Brennstoffkomponente ein geringerer Gewichtsverlust auftritt. Die
handelsübliche Zusammensetzung von Beispiel 9 (Vergleich) zeigt einen Gewichtsverlust
von bis zu 2%, wohingegen die erfindungsgemäßen Zusammensetzungen nach 408 Stunden
Lagerung bei 110°C lediglich einen Gewichtsverlust zwischen 0,2 % und 1,47 %
aufweisen. Folglich zeigen die erfindungsgemäßen Frühzündmischungen eine geringere
Tendenz zur Gasabspaltung als die handelsübliche Zusammensetzung, was auf eine erhöhte
Stabilität dieser Frühzündmischungen schließen läßt.
Die Selbstentzündungstemperaturen der erfindungsgemäßen Frühzündmischungen
gemäß den Beispielen 1 bis 7 zeigen nach 408 Stunden Lagerung bei 110 °C lediglich
Differenzen von 0 bis 5 °C und liegen sowohl vor als auch nach der thermischen
Belastung in dem geforderten Bereich von 140 bis 180 °C.
Die Reaktionsheftigkeit der erfindungsgemäßen Frühzündmischungen ist
höher als die der handelsüblichen Zusammensetzung gemäß Beispiel 9. Aus der höheren
Reaktionsheftigkeit können Rückschlüsse auf die Überzündfähigkeit der einzelnen
Frühzündmischungen gezogen werden. Die Ergebnisse zeigen, daß die erfindungsgemäßen
Zusammensetzungen heftiger reagieren und deshalb im Aktivierungsfall besser auf
die Anzündmischung oder die Treibladung überzünden.
Für die Verwendbarkeit der erfindungsgemäßen Frühzündmischungen bedeutet
das, daß sie nicht zwangsläufig mit einer energiereichen Anzündmischung für einen
Gasgenerator kombiniert werden müssen, sondern separat verbaut werden können. Damit
lassen sich aus der Unverträglichkeit der Frühzündmischung mit anderen Chemikalien
im Gasgenerator resultierende Probleme weitgehend vermeiden.
Anspruch[de]
Pyrotechnische Zusammensetzung, insbesondere zur Verwendung in Sicherheitseinrichtungen
für Kraftfahrzeuge, mit einer Selbstentzündungstemperatur zwischen 140 und 180 °C,
dadurch gekennzeichnet, daß die Zusammensetzung Hydroxybenzotriazol enthält,
wobei der Anteil des Hydroxybenzotriazols in der Zusammensetzung 25 bis 95 Gew.-%
beträgt.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet,
daß die Zusammensetzung Schwefel und/oder eine anorganische Schwefelverbindung enthält,
wobei der Anteil des Schwefels und/oder der anorganischen Schwefelverbindung 1 bis
20 Gew.-% der Zusammensetzung beträgt.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 2, dadurch gekennzeichnet,
daß die anorganische Schwefelverbindung aus der Gruppe der Sulfate, Sulfite, Thiosulfate,
Thiosulfite, Disulfite, Disulfate, Dithionite, Dithionate, Peroxosulfate, Peroxodisulfate,
Thiocyanate, Isothiocyanate, Sulfide und Polysulfide oder deren Mischungen ausgewählt
ist.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach einem der Ansprüche 1 bis 3, dadurch
gekennzeichnet, daß die Zusammensetzung zusätzlich einen Brennstoff und/oder einen
Oxidator enthält.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet,
daß der Brennstoff aus der Gruppe der Guanidinverbindungen, Triazole, Tetrazole,
Bitetrazole, Dinitramide und der Metalle sowie deren Mischungen ausgewählt ist.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 4 oder 5, dadurch gekennzeichnet,
daß der Oxidator aus der Gruppe der Alkalimetall-, Erdalkalimetall- oder Übergangsmetallnitrate,
-nitrite, -perchlorate, -chlorate, -peroxide, Ammoniumnitrat, Ammoniumperchlorat
sowie der Übergangsmetalloxide und deren Mischungen ausgewählt ist.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 5 oder 6, dadurch gekennzeichnet,
daß der Brennstoff Guanidinnitrat, Guanylureadinitramid oder Nitroguanidin ist.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 6 oder 7, dadurch gekennzeichnet,
daß der Oxidator Kaliumnitrat oder Amoniumperchlorat ist.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, daß die Zusammensetzung 30 bis 90 Gew.-% Hydroxybenzotriazol
sowie Schwefel und/oder eine anorganische Schwefelverbindung in einem Anteil von
1 bis 10 Gew.-% umfaßt.
Pyrotechnische Zusammensetzung nach Anspruch 9, bestehend aus 30 bis
90 Gew.-% Hydroxybenzotriazol, 1 bis 10 Gew.-% Schwefel und/oder einer anorganischen
Schwefelverbindung, 0 bis 60 Gew.-% des Oxidators und 0 bis 20 Gew.-% des Brennstoffs.