Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Herstellung eines funktionalen
hochenergetischen Materials mit schichtartig strukturiertem Korn enthaltend einen
energiereichen Weichmacher und einen polymeren Phlegmatisator. Ferner bezieht sich
die Erfindung auf ein solches Material.
Stand der Technik
Die Erkenntnisse, welche anlässlich der in neuerer Zeit ausgetragenen
internationalen militärischen Konflikte gewonnen wurden, deckten die Notwendigkeit
einer Neuorientierung auf, welcher insbesondere im Bereich mobiler Waffensysteme
im Mittelkaliberbereich (Kalibergrösse zwischen 12-50 mm) eine besondere Bedeutung
beikommt. Hierbei sind Leistungssteigerungen, welche mittels waffenseitigen Neuentwicklungen
erkauft werden müssen, sehr teuer, da materialtechnisch massive Verbesserungen
notwendig sind um den resultierenden höheren Spitzengasdrücken erfolgreich zu widerstehen.
Aus Kostengründen besteht daher in der Wehrtechnik ein grosses Interesse,
die gewünschten Leistungssteigerungen in bereits eingeführten, bestehenden Waffenplattformen
zu bewerkstelligen. Ein innovatives Konzept hierzu basiert auf einer Familie neuartiger
unterkalibriger Munition (Frangible, Pfeil). Diese erbringt ihre gewünschte Zieleinwirkung
rein durch Umsetzung kinetischer Energie, d.h. ohne zusätzliche Explosivstoffe.
Trotzdem lässt sich diese neuartige Munition aus gängigen Waffen abfeuern. Da dieser
neuartigen Munition zur Erreichung der gewünschten Zielwirkung lediglich die kinetische
Geschossenergie zur Verfügung steht, ist die Mündungsgeschwindigkeit, d.h. diejenige
Geschwindigkeit, mit welcher die Munitionskomponente den Waffenlauf verlässt, resp.
mit welcher kinetischen Energie das Projektil auf das Ziel auftrifft, hierbei von
grösster Bedeutung. Je höher die Mündungsgeschwindigkeit ist, umso wirkungsvoller
ist der zielwirksame Effekt, da insbesondere bei solchen kinetischen Geschossen
der Geschwindigkeitsverlust (kleiner Cw-Wert) sehr gering ist. Eine Verkürzung
der Flugzeit und eine Flugbahnstabilisierung sind weitere wichtige positive Aspekte
resultierend aus einer hohen Mündungsgeschwindigkeit, was zudem eine kleinere Windempfindlichkeit
und eine Erhöhung der Ersttrefferwahrscheinlichkeit bewirkt.
Um die von der oben beschriebenen, neuartigen unterkalibrigen Hochleistungsmunition
benötigten Mündungsgeschwindigkeiten zu erzielen, sind in der Wehrtechnik neuartige
Treibladungspulver (TLP) verlangt, welche gegenüber auf Nitrocellulose basierenden
einbasigen Treibladungspulvern eine höhere kinetische Energie auf die Munitionskomponente
übertragen können. Das Problem bei der Bereitstellung dieser geforderten neuen
Hochleistungs-TLP besteht nun darin, unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden, d.h.
auf dem geforderten erhöhten Leistungsniveau trotzdem die volle erweiterte Systemverträglichkeit
bezüglich Rohr (Erosion, Korrosion), Waffe (Spitzengasdrücke, Kadenz) und Umwelt
(Vermeidung umweltproblematischer Rezepturkomponenten) zu gewährleisten. Auch sollte
die ballistische Stabilität, d.h. die Zeitdauer, innerhalb welcher die mit dem
Treibladungspulver gefüllte Munition sicher und anforderungskonform verschossen
werden kann, gegenüber den konventionellen Treibladungspulvern nicht reduziert
werden. Schliesslich ist es wünschenswert, dass die geforderten Hochleistungs-TLP
kostengünstig herstellbar sind, d.h. von leicht zugänglichen, kostengünstigen Startmaterialien
ausgehen und insbesondere keine aufwendigen Verarbeitungsprozesse (wie z.B. Walzprozesse
bei mehrbasigen TLP ) benötigen.
Mit Pulvern, welche grössere Anteile an kristallinen Sprengstoffen
wie Hexogen, Octogen oder CL-20 enthalten (Nitraminpulver), können zwar hohe Mündungsgeschwindigkeiten
erzielt werden, doch wird dabei die Rohrlebensdauer auf eine unakzeptabel niedrige
Schusszahl reduziert. Der Grund dieses unerwünschten Verhaltens liegt darin, dass
die Flammtemperatur der Verbrennungsgase im Waffenlauf infolge des hohen Energieinhaltes
dieser Pulver sehr hoch ist sowie der hohe Gehalt an Wasserstoff in den resultierenden
Verbrennungsgasen.
Ein weiterer Ansatz zur Erhöhung des Energieinhalts besteht in der
Beifügung eines geeigneten hochenergetischen Sprengöls zur Kornmatrix. In diesem
Zusammenhang sind zunächst die sogenannten Kugelpulver zu nennen. Die maximale
Grösse der sphärischen Pulverteilchen ist jedoch limitiert. Daher sind diese Pulver
jedoch inhärent sehr brisant und haben vor allem im Kleinkaliberbereich eine technische
Bedeutung erlangt. Ausserdem weisen diese Pulver gegenüber einbasigen TLP zumeist
eine stark eingeschränkte ballistische und chemische Stabilität auf.
Aus der US 4.963.296 sind sogenannte zweibasige TLP bekannt. Sie stellen
einen zweiten Pulvertyp dar, welcher ein in der Kornmatrix eingearbeitetes Sprengöl
enthält. Infolge des aufwendigen Herstellungsverfahrens sind diese Pulver jedoch
sehr kostspielig. Ausserdem bewirkt dieser Pulvertyp für Mittelkaliber-Applikationen
eine starke Rohrerosion und hat daher in diesem Gebiet praktisch keine technische
Bedeutung erlangt.
In der Publikation von B. Vogelsanger, K. Ryf, Int. Annu. Conf. ICT
(1998), 29th(Energetic Materials), 38.1-38.14 sind neuartige funktionale hochenergetische
Materialien beschrieben, welche Dank einem funktionalen, schichtartigen Aufbau
in der Kornmatrix die oben beschriebenen Nachteile nicht aufweisen. Basierend auf
diesen neuartigen funktionalen Materialien ist es gelungen, eine neue Generation
von Höchstleistungs-TLP (Schüttpulver) bereitzustellen, welche u.a. erfolgreich
als Antriebskomponenten für unterkalibrige Hochleistungsmunition eingesetzt werden
können und hierbei die Erzielung der von der Technik geforderten hohe Mündungsgeschwindigkeit
erlauben. Die vorteilhaften Eigenschaften dieser neuen TLP-Generation wird durch
einen gezielten, schichtweisen Aufbau des zylinderförmigen Pulverkorns erreicht.
Dabei befindet sich der oder die energetischen Weichmacher bzw. Sprengöle und ein
polymerer Phlegmatisator in den gewünschten äusseren 100-500 Mikrometer des Pulverkorns.
Zusätzlich befindet sich ein Anteil des Sprengöls auch in den Lochzonen des TLP.
Dank diesem gezielt einstellbaren, schichtweisen Aufbau waren nun erstmals TLP
zugänglich, welche ein spezielles, gezielt steuerbares Abbrandverhalten aufweisen,
welches mehrere positive Eigenschaften einbringt: So können unakzeptabel hohe Spitzengasdrücke
vermieden werden, da durch den schichtartigen Aufbau der Aussen- und Innenzonen
des Pulverkorns das Abbrandverhalten vorteilhaft beeinflusst wird. Als Resultat
dieser Eigenschaft kann der Energieinhalt dieser funktionalen Materialien besser
in kinetische Mündungsenergie umgesetzt werden. Durch die Möglichkeit einer gezielten
Anpassung der Verteilungsprofile von Sprengöl und Phlegmatisator lassen sich TLP
mit optimalem Abbrandverhalten für unterschiedliche Kalibergrössen realisieren.
Dadurch wird eine maximale Flexibilität bezüglich Adaption für unterschiedliche
Waffen- und Munitionstypen ermöglicht. Als Folge weisen die Pulver eine hohe kinetische
Mündungsenergie und einem hohen thermischen Wirkungsgrad auf.
Zusätzlich bewirkt der schichtweise Aufbau der Aussenhaut und der
Innenzonen der neuartigen Pulver ein Abbrandverhalten, welches weitgehend unabhängig
von der Temperatur des Pulverkörpers ist. Dies bedeutet, dass innerhalb eines breiten
Temperaturbereichs ähnlich hohe Mündungsgeschwindigkeiten und Spitzengasdrücke
resultieren. Dies hat zur Folge, dass unabhängig von der Umgebungstemperatur, bei
welcher die Munition verschossen wird, eine ähnlich hohe Mündungsenergie zur Verfügung
steht, d.h. das Treibladungspulver verhält sich weitgehend temperaturunabhängig.
Schliesslich weisen die funktionalen Materialien sehr hohe Schüttdichten
auf. Die Schüttdichte ist ein Mass dafür, welches Gewicht an Treibladungspulver
in einer bestimmten Volumeneinheit untergebracht werden kann und wird typischerweise
in der Einheit gTLP/l angegeben. Diese positive Eigenschaft ist von
grosser Bedeutung, da das Hülsenvolumen einer gegebenen Munitionskomponente vorgegeben
ist. Je mehr Pulvermenge sich in diesem vorgegebenen Hülsenvolumen unterbringen
lässt, umso höher ist das Potential, welches sich in kinetische Energie umsetzen
lässt. So kann z.B. bei vergleichbarem Spitzengasdruck eine gegenüber konventionellen
einbasigen TLP um bis zu 12% erhöhte Mündungsenergie erreicht werden.
Darstellung der Erfindung
Aufgabe der Erfindung ist es, ein Verfahren der eingangs genannten
Art anzugeben, welches die präzise Einstellung der Schichtstruktur erlaubt.
Die Lösung ist durch die Merkmale des Anspruchs 1 definiert. Gemäss
der Erfindung werden der Weichmacher und/oder der Phlegmatisator in Form einer
wässrigen Emulsion in das aufnahmefähige (unimprägnierte) Korn, d.h. in das sogenannte
Grünpulver eindiffundiert.
Die Erfindung basiert auf der überraschenden Erkenntnis, dass sich
die Imprägnierung zur Herstellung der funktionalen Materialien auch in einer wässrigen
Emulsion durchführen lässt, wobei ebenfalls TLP mit dem gewünschten schichtartigen
Aufbau resultieren. Die vorliegende Erfindung beinhaltet daher den Prozess der
Imprägnierung eines unbehandelten einbasigen Grünpulvers in wässriger Emulsion,
sowie der anschliessenden Fertigstellung zur Bereitstellung der funktionalen, schichtartig
aufgebauten TLP.
Die Erfindung unterscheidet sich somit deutlich von den bekannten
Verfahren, bei welchen Imprägnierungen, mittels deren sich die schichtartige Verteilung
des Sprengöls und des Phlegmatisators gezielt einstellen lassen, typischerweise
in sogenannten Poliertrommeln durchgeführt werden. Bei diesen bekannten Verfahren
wird einer Charge von unimprägniertem Pulver (Grünpulver) eine flüssige Imprägniersubstanz
(oder ggf. eine Lösung einer festen Imprägniersubstanz, gelöst in einem geeigneten
Lösungsmittel), zugesetzt, wobei die Imprägniersubstanz unter Drehwirkung und bei
erhöhter Temperatur in das Pulverkorn eindiffundiert wird. Das Problem, das bei
diesen bekannten Verfahren beim Eindiffundieren von hochempfindlichen Sprengölen
wie etwa Nitroglycerin infolge akuter Sicherheitsrisiken entstehen würde und die
Herstellung grösserer Mengen der funktionalen hochenergetischen Materialien beträchtlich
erschweren, wenn nicht sogar verunmöglichen würde, ist beim erfindungsgemässen
Verfahren vermieden.
Das Imprägnierungsverfahren kann in einem 2-Stufenprozess oder in
einem 1-Stufenprozess durchgeführt werden. Beim 2-Stufenprozess wird das Grünkorn
zunächst in einer wässrigen Emulsion mit dem Sprengöl behandelt. Nach Beendigung
der Einwirkung wird die überschüssige Emulsion abgepumpt. Die flüssigen Anteile
im Reaktor können durch ein Sieb abgelassen werden. Danach wird der (im Reaktor
verbleibenden) Pulvermasse in einem weiteren Prozessschritt einer wässrigen Emulsion
enthaltend den polymeren Phlegmatisator ausgesetzt. Dieses Vorgehen erlaubt eine
gute Kontrolle der Prozessparameter.
Beim 1-Stufenprozess wird, analog dem 2-Stufenprozess, das Grünkorn
zunächst mit einer wässrigen Emulsion des Sprengöls behandelt. Nach Beendigung
der Einwirkzeit wird die verbleibende Emulsion aber nicht vom Pulver abgetrennt,
sondern unter Zugabe des polymeren Phlegmatisators weiterverwendet. Durch Variation
der Zugabezeiten des Sprengöls oder des polymeren Phlegmatisators sowie des Zeitpunktes
können die Konzentrationsprofile gezielt verändert werden. Der 1-Stufenprozess
beinhaltet weniger Prozessschritte und ist daher wirtschaftlicher.
Der eingesetzten wässrigen Emulsion können sowohl beim 1-Stufen- als
auch beim 2-Stufenprozess nach Bedarf bekannte Hilfsstoffe (Stabilisatoren und/oder
Netzmittel) beigegeben werden, welche unter anderem die Schaumbildung unterdrücken,
die Emulsion stabilisieren oder das Eindringverhalten der Wirkungskomponenten gezielt
beeinflussen können.
Die Vorteile der schichtartig aufgebauten TLP gegenüber einem konventionellen
einbasigen TLP sind in der folgenden Tabelle illustriert. Man erkennt deutlich,
dass mit dem neuen, zu schützenden Herstellungsprozess schichtartig aufgebaute
TLP erhalten werden, welche ähnlich vorteilhafte Eigenschaften aufweisen wie die
in der EP 0 960 083 A1 beschriebenen Materialien, d.h. über den gesamten Temperaturbereich
lässt sich unter waffenverträglichen Bedingungen ein markant erhöhtes Leistungspotential
realisieren (vgl. Tabelle 1).
Ein weiterer Aspekt der vorliegenden Erfindung ist die Bereitstellung
von neuartigen funktionalen Materialien, welche gegenüber den oben beschriebenen
Materialien verbesserte Eigenschaften aufweisen. Bei den in B. Vogelsanger, K.
Ryf, Int. Annu. Conf. ICT (1998), 29th(Energetic Materials), 38.1-38.14, beschriebenen
Materialien werden für die Imprägnierung ausschliesslich Sprengöle wie Nitroglycerin
verwendet. Diese weisen jedoch bekanntermassen einige Nachteile auf. Ein solcher
Nachteil ist die extrem hohe Empfindlichkeit dieser Sprengöle. So weisen Nitroglycerin
und Dinitrodiglykol je eine Schlagempfindlichkeit von lediglich 0.2 Nm auf, was
deren Handhabung bei der Verarbeitung stark erschwert und einschränkt. Ein weiterer
Nachteil dieser Sprengöle ist deren hoher Energieinhalt (Explosionswärme), der
für Nitroglycerin 6542 J/g und für Dinitrodiglykol 4527 J/g beträgt. Enthält das
Pulver nun grössere Mengen dieser Sprengöle, erhöht sich beim Abbrand die Flammtemperatur
und führt hiermit zu einer Zunahme der Rohrerosion.
Es wurde nun überraschenderweise gefunden, dass diese Sprengöle im
Imprägnierungsprozess durch energetische Weichmacher ersetzt werden können, welche
einen tieferen Energieinhalt und vorteilhafte thermodynamische Eigenschaften aufweisen
und welche zusätzlich weniger schlagempfindlich sind. Die hieraus resultierenden
neuartigen Pulver zeichnen sich überraschenderweise durch ein deutlich verbessertes
Verhältnis von Vo / Pmax aus, d.h. bei Ausnutzung der Druckreserven können höhere
Mündungsgeschwindigkeiten realisiert werden. Darüber hinaus weisen derartige funktionale
Materialien auch ein günstiges Verhältnis von Δ Vo gTLP / Δ
Pmax gTLP auf, d.h. pro Gramm Ladungszunahme steigt die Mündungsgeschwindigkeit
gegenüber dem Druck stärker an als bei TLP auf Basis von Sprengölen. Dieser Effekt
wird im weiter unten angegebenen Beispiel 3 verdeutlicht.
In der Pulvertechnik ist eine Vielzahl von energetischen Weichmachern
bekannt. Hierzu gehören insbesondere niedermolekulare aliphatische Salpetersäureester,
Nitroverbindungen, Nitramine und Azide. Eine hierzu besonders geeignete Stoffklasse
bilden die sogenannten 2-Nitroxyethyl-nitramaine (Alkyl-NENA) mit der allgemeinen
Strukturformel I, wobei R1 ein aliphatischer Rest darstellt. Eine weitere
besonders geeignete Stoffklasse hierfür bilden die sogenannten Dinitro-diazaalkane
der allgemeinen Formel II, wobei R2 und R3 für aliphatische
Reste stehen. Die Verwendung von Substanzen der allgemeinen Struktur II ist in
der Pulvertechnik bekannt, doch wurden diese Substanzen bisher nie schichtweise
in die Pulvermatrix eingebaut, sondern befanden sich homogen in der Pulvermatrix
verteilt analog einem 2-basigen TLP (vgl. EP 960083A1). Die Weichmacher können
einzeln oder gemischt in das Grünkorn eingebracht werden.
Gegenstand der vorliegenden Erfindung sind zudem neuartige funktionale
Materialien, welche in der Grundmatrix aus Nitrocellulose zusätzlich einen kristallinen
Energieträger enthalten. Derartige kristalline Energieträger sind an sich bekannt.
Es handelt sich hierbei z.B. um sogenannte kristalline Nitramine der allg. Formel
III. Dabei bildet der Rest R4 Teil eines Ringsystems und kann bevorzugt
weitere Einheiten der Struktur (-CH2-N-NO2) enthalten.
Besonders bevorzugte Verbindungen der Struktur III sind Hexogen IV,
Oktogen V und CL-20 VI.
Die obere Grenze des Gehalts an kristallinem Energieträger ergibt
sich derart, dass die mechanische Festigkeit des resultierenden Pulverkorns auch
bei Tieftemperatur erhalten bleibt. Um den erwarteten positiven Effekt ballistisch
zu erkennen, sollte die Menge nicht kleiner als ca. 5% sein. Diese Verbindungen
der allgemeinen Struktur III oder Gemische davon werden daher in Mengen zw. 5-80%,
bevorzugt 10-50% der gesamten Pulvermasse, der Nitrocellulose-Matrix beigemischt
und sind homogen im fertiggestellten Korn verteilt. Die derart vorbehandelten Pulver
(welche funktional dem Grünpulver entsprechen) werden anschliessend durch einen
Imprägnierungsprozess, welcher den zuvor beschriebenen schichtweisen Kornaufbau
ergibt und ebenfalls Bestandteil der vorliegenden Erfindung ist, mit einem energetischen
Weichmacher und einem Phlegmatisator behandelt. Der Vorteil dieser schichtartig
aufgebauten funktionalen Materialien besteht darin, dass sie gegenüber den funktionalen
Materialien, welche keinen kristallinen Energieträger in der Kornmatrix enthalten,
einen erhöhten Energieinhait aufweisen, welcher Dank dem speziellen Schichtaufbau
in systemverträglicher Weise optimal in kinetische Energie umgesetzt werden kann.
Stichwortartig zusammengefasst lässt sich die Erfindung wie folgt
umschreiben:
1) Imprägnierungsprozess: Behandlung in wässriger Emulsion eines "Grünpulvers"
aus Nitrocellulose beliebiger Form mit einem Sprengöl als energetischem Weichmacher
und einem Phlegmatisator in 1- oder 2-Stufenprozess.
2) Neuartige funktionale energetische Materialien mit schichtartigem Aufbau
hergestellt gemäss 1), welche aber anstelle von Sprengöl einen unempfindlichen
energetischen Weichmacher des Typs I oder II oder Mischungen davon enthalten, sowie
deren Herstellungsprozess in wässriger Emulsion und deren Verwendung als Treibladungspulver.
3) Neuartige funktionale energetische Materialien hergestellt gemäss 1) oder
2), welche zusätzlich einen kristallinen Energieträger des Typs III, homogen verteilt
in der Korn-Matrix, enthält, deren Herstellungsprozess in wässriger Emulsion und
deren Verwendung für die Herstellung von Treibladungspulver.
Der Imprägnierungsprozess zur Herstellung der hochenergetischen funktionalen
Materialien ist im Folgenden beschrieben. Der Imprägnierungsprozess geht von unbehandeltem
Grünpulver beliebiger Form aus, welches im Wesentlichen aus Nitrocellulose mit
einem N-Gehalt zw. 11-13.5% besteht. Das verwendete Grünpulver kann gegebenenfalls
in der Pulvertechnik bekannte Zusätze zur Stabilisierung, Rohrschonung, Weichmachung
und Feuerscheindämpfung enthalten. Bekannte Zusätze, welche geeigneterweise eingesetzt
werden, sind zur Stabilitätserhöhung etwa Natriumhydrogenkarbonat (CAS-#: 144-55-8),
Calziumkarbonat (CAS-#: 471-34-1), Magnesiumoxid (CAS-#: 1309-48-4), Akardit II
(CAS-#: 724-18-5), Centralit I (CAS-#: 90-93-7), Centralit II (CAS-#: 611-92-7),
2-Nitrodiphenylamin (CAS-#: 836-30-6) und Diphenylamin (CAS-#: 122-39-4), zur Weichmachung
etwa Diethylphthalat (CAS-#: 84-66-2), Campher (CAS-#: 76-22-2), Dibutylphthalat
(CAS-#: 84-74-2), Di-n-propyladipat (CAS-#: 106-19-4) oder Methylphenylurethan
(CAS-#: 261-79-6), zur Rohrschonung etwa Magnesiumoxid (CAS-#: 1303-48-4), Molybdäntrioxid
(CAS-#: 1313-27-5), Magnesiumsilikat (CAS-#: 14807-96-6), Calciumkarbonat (CAS-#:
471-34-1) oder Titandioxid (CAS-#: 13463-67-7), und zur Feuerscheindämpfung etwa
Natriumoxalat (CAS-#: 62-76-0), Kaliumbitarat (CAS-#: 868-14-4), Natriumhydrogenkarbonat
(CAS-#: 144-55-8), Kaliumhydrogenkarbonat (CAS-#: 298-14-6), Natriumoxalat (CAS-#:
62-76-0), Kaliumsulfat (CAS-#: 7778-80-5) oder Kaliumnitrat (CAS-#: 7757-79-1).
Ferner kann das Grünpulver noch weitere bekannte Zusätze, etwa zur Verbesserung
des Anzündverhaltens und zur Modulierung des Abbrandverhaltens, enthalten. Alle
die erwähnten Zusätze sind während der Grünkornherstellung dem Pulverteig zugegeben
worden, d.h. sie sind gleichmässig in der Kornmatrix verteilt. Die Gesamtmenge
dieser Zusätze im Grünkorn liegt zw. 0-20% gegenüber der Nitrocellulose, bevorzugt
zw. 5-15%.
Beim Grünpulver handelt es sich typischerweise um zylinderförmige
Ein- oder Mehrlochpulver mit einem Verhältnis Durchmesser/Kornlänge zw. 0.5-2.0,
bevorzugt 0.9-1.5. Die Aussendurchmesser der Grünpulver liegen im Bereich zw. 0.5-10
mm, bevorzugt 0.5-5 mm. Die Lochdurchmesser liegen im Bereich zw. 0.03-0.7 mm.
Das Grünkorn kann auf bekannte Weise durch Verpressung eines lösungsmittelhaltigen
Pulverteigs in einer Strangenpresse oder mittels Extrusion erhalten werden.
Das erfindungsgemässe Herstellungsverfahren kann einstufig oder zweistufig
sein. Der Imprägnierungsprozess soll zunächst am 2-Stufenverfahren verdeutlicht
werden: Das oben beschriebene Grünpulver wird in einen metallischen Reaktorkessel
gegeben, welcher mit Deckeleinlassventil, Bodenauslassventil, mechanischen und
statischen Strömungseinbauten und Anschlüssen für Vakuum ausgerüstet ist und welcher
mit der 1-5-fachen Menge Wasser (gegenüber der zu behandelnden Pulvermenge) beschickt
ist. Das Pulver kann zunächst unter Rühren während 4-24 Stunden bei einer Temperatur
von 20-85 °C vorgebadet werden. Danach wird während einer Zeitdauer von 10-60 Minuten
eine Lösung des Sprengöls (ca. 20% in geeignetem Lösungsmittel gelöst) zugegeben,
wobei der Anteil des Sprengöls gegenüber dem eingesetzten Grünkorn im Bereich von
3-20% liegt. Man lässt nun während 2-8 Stunden weiterbehandeln, bevor man den Druck
auf 400 - 600 mbar reduziert und das Lösungsmittel aus der Flotte abdestilliert.
Das wiedergewonnene Destillat kann gegebenenfalls im Prozess rezykliert werden.
Danach wird der Ansatz abgekühlt und die verbleibenden flüssigen Anteile durch
das Bodenventil im Reaktorboden abgelassen. Hiernach wird dem Reaktor eine bezüglich
der Pulvermasse wiederum eine 1-5-fache Menge Frischwasser zugeführt und auf 80°C
erwärmt. Danach gibt man während einer Zeitdauer von 10-60 Minuten eine Emulsion
des polymeren Phlegmatisators (ca. 10% in Wasser, Anteil gegenüber Grünkorn zw.
1-5%) zu. Dabei können den eingesetzten Lösungen des Sprengöls und des polymeren
Phlegmatisators gegebenenfalls kleine Mengen an Hilfsstoffen, etwa zur Stabilisierung
der Emulsion oder zur Erhöhung der Stabilität des TLP, beigemischt sein. Unter
optimaler Backmixeinstellung (hängt vom Pulverkorn ab) lässt man während 2-6 Stunden
weiterbehandeln bevor der Ansatz wieder auf Raumtemperatur angekühlt wird. Danach
werden die verbleibenden flüssigen Anteile durch das Bodenventil des Reaktorkessels,
welches mit einem feinmaschigen Sieb versehen ist, abgelassen. Im Reaktorkessel
verbleibt das imprägnierte funktionale Material, welches nach dem Wegnehmen des
Siebs aus dem Reaktorkessel ausgeladen und auf engmaschigen Metallsieben zum Trocknen
mittels durchströmender Warmluft ausgebreitet wird.
Beim 1-Stufenprozess wird analog zum oben beschriebenen 2-Stufenprozess
vorgegangen mit dem einzigen Unterschied, dass nach Beendigung der Einwirkzeit
der Sprengöllösung die flüssigen Anteile im Reaktor verbleiben und dazu direkt
die Phlegmatisatoremulsion zugegeben wird. Durch Variation der Zugabezeiten, der
Einwirkungszeiten und des Zeitpunktes der Druckabsenkung kann die Abbrandcharakteristik
des fertiggestellten Pulvers gezielt beeinflusst werden.
Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass sich beim 1-Stufenprozess
die Steuerparameter zielgenauer einstellen lassen. Darüberhinaus ist der 1-Stufenprozess
infolge der kleineren Anzahl von Prozessschritten wesentlich kostengünstiger.
Das mittels dem oben beschriebenen 1- resp. 2-Stufenverfahren erhaltene
funktionale Material wird schliesslich durch Aufpolieren von 0.01-2% Graphit und
gegebenenfalls weiteren bekannten Hilfsstoffen in Mengen von 0-4% auf bekannte
Weise in einer Poliertrommel fertiggestellt. Dabei wurde überraschenderweise gefunden,
dass sich die funktionalen Materialien in diesem Polierprozess in Treibladungspulver
mit ausserordentlich hohen Schüttdichten von 1060 - 1100 g/l überführen lassen.
Dies erlaubt, in ein gegebenes Hülsenvolumen ein Maximum an Lademenge einzubringen.
Als geeignete Sprengöle können Nitroglycerin (CAS-#: 55-63-0) oder
Diethylenglykoldinitrat (Dinitrodiglykol, CAS-#: 693-21-0) eingesetzt werden. Es
ist eine Vielzahl von Verbindungen möglich, welche sich als geeignete Phlegmatisatoren
verwenden lassen. Einerseits muss die Affinität mit der Nitrocellulose derart sein,
dass der Phlegmatisator mit dem geeigneten Lösungsmittel als Transportmedium (Carrier)
in das Pulverkorn eindiffundieren kann. Andererseits darf nach der Entfernung des
Lösungsmittels keine weitere Diffusion eintreten, welche zu einer Veränderung des
Verteilungsprofils führen würde. Als geeignet haben sich hierzu organische Ether-
und Esterverbindungen mit einem Molekulargewicht zw. 100-100'000, bevorzugt zwischen
1000-10'000, erwiesen.
Eine bisher unbekannte neuartige Klasse von funktionalen energetischen
Materialien wird erhalten, indem die oben beschriebenen Sprengöle durch weniger
schlagempfindliche (vereinfacht gesagt: "unempfindliche") energetische Weichmacher
der allgemeinen Strukturen I oder II ersetzt werden. Einerseits wurde überraschenderweise
gefunden, dass sich diese neuartigen funktionalen Materialien durch ein besonders
günstiges Verhältnis von Vo / Pmax auszeichnen. Darüberhinaus weisen derartige
funktionale Materialien ein günstiges Verhältnis von Δ Vo gTLP
/ Δ Pmax gTLP auf, d.h. pro Gramm Ladungszunahme steigt die Mündungsgeschwindigkeit
gegenüber dem Druck stärker an als bei schichtartigen TLP auf Basis von Sprengölen.
Zweitens führen diese unempfindlichen energetischen Weichmacher im
Vergleich zu herkömmlichen Sprengölen zu einer Erniedrigung der Explosionswärme
um 150-200 J/g, was eine Absenkung der Flammtemperatur während des Pulverabbrandes
und damit eine Verbesserung der Rohrlebensdauer bewirkt.
Die Herstellung der neuartigen funktionalen Materialien mit energetischen
Weichmachern der allg. Strukturen I und II geht, analog den oben beschriebenen
sprengölhaltigen funktionalen Materialien, von einem unbehandelten Grünkorn auf
Basis von Nitrocellulose aus. Auch der Imprägnierungsschritt in wässriger Emulsion
verläuft analog wie zuvor mit der einzigen Ausnahme, dass anstelle der Sprengöle
nun energetische Weichmacher der allg. Strukturen I oder II oder Mischungen davon
eingesetzt werden. Als vorteilhaft haben sich Verbindungen mit R1 =
C1-C10-Alkyl, C1-C10-Alkoxy oder Aryl,
R2 und R3 unabhängig voneinander C1-C5-Alkyl
oder C1-C5-Alkoxy erwiesen. Besonders bevorzugt sind Verbindungen
mit R1 = C1-C4 (Methyl, Ethyl, n-Propyl, i-Propyl,
n-Butyl, i-Butyl, t-Butyl), R2/R3 unabhängig voneinander
C1-C2 (Methyl, Ethyl).
Eine weitere Klasse bisher unbekannter funktionaler energetischer
Materialien erhält man, indem man dem vorher beschriebenen Grünkorn zusätzlich
einen kristallinen Energieträger der allgemeinen Formel III beimischt. Die kristallinen
Energieträger können gegebenenfalls vor der Einarbeitung in den Pulverteig mittels
Mahlung in ihrer Grössenverteilung angepasst werden oder mittels Umkristallisation
gegebenenfalls gereinigt werden. Die Herstellung des Grünkorns erfolgt zwecks Erreichen
einer homogenen Verteilung der kristallinen Energieträger in der Matrix mittels
bekannter Verfahren wie zum Beispiel durch Extrusion mit Hilfe von Static Mixers
oder durch Verarbeitung in Doppelschneckenextrudern.
Die Verwendung der obigen neuartigen hochenergetischen funktionalen
Materialien mit schichtartigem Kornaufbau ist als Treibladungs-Schüttpulver, insbesondere
für Mittel- und Kleinkaliber-Anwendungen, geeignet.
Aus der nachfolgenden Detailbeschreibung und der Gesamtheit der Patentansprüche
ergeben sich weitere vorteilhafte Ausführungsformen und Merkmalskombinationen der
Erfindung.
Wege zur Ausführung der ErfindungBeispiel 1 : Herstellungsprozess in wässriger Emulsion
200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.77 mm Aussendurchmesser, 3.17
mm Länge und 0.12 mm Lochdurchmesser, aufgebaut aus den festen Anteilen von 1.2%
Akardit-II, 1% Calciumkarbonat, 0.4% Kaliumsulfat und 97.4% Nitrocellulose mit
einem Stickstoffgehalt von 13.15% und hergestellt auf in der Pulvertechnik bekannte
Weise durch Verpressen eines lösungsmittelfeuchten Knetteigs durch eine Matrize,
werden in einem 1000 Liter Stahlreaktor ausgerüstet mit mechanischem Flügelrührer,
Deckeleinlassventil, Bodenauslassventil sowie und Anschlüssen für Vakuum, mit der
zweifachen Menge Wasser versetzt.
Anschliessend wird der Ansatz auf eine Temperatur von 85°C erwärmt
und unter ständigem Rühren unter Halten der Temperatur während 15 Stunden vorgebadet.
Danach wird bei 80°C eine Mischung enthaltend 12.5 kg Nitroglycerin und 0.25 kg
2-Nitrodiphenylamin, gelöst in 60 Liter Ethanol, während einer Zeitdauer von 30
Minuten zugetropft. Man lässt nun während 2 1/4 Stunden bei optimaler Backmixeinstellung
(Pulverbett vollständig in Schwebe) behandeln und tropft anschliessend während
einer Zeitdauer von 15 Minuten eine Suspension enthaltend 1.97 kg eines bei Raumtemperatur
hochviskosen, nicht festen Polyesters mit mittlerem Molekulargewicht von 3000 (welcher
wasserlöslich ist und as Phlegmatisator wirkt) in 30 kg Wasser zu. Anschliessend
lässt man unter Rühren während weiteren 2 Stunden bei einer Temperatur von 80°C
nachbehandeln. Anschliessend wird der Druck im Reaktorkessel langsam auf 600 mbar
reduziert und Teile des Lösungsmittels aus der Flotte abdestilliert. Danach wird
das Vakuum gebrochen und der Ansatz auf Raumtemperatur abgekühlt. Danach werden
die verbleibenden flüssigen Anteile des Ansatzes durch Oeffnen des Bodenventils
abgelassen, die verbleibende feuchte Pulvermasse mit 100 Liter Frischwasser und
während 2 Std. mit abgeschalteter Heizung weitergerührt. Danach werden die flüssigen
Anteile erneut durch das Bodenventil abgelassen und die verbleibende feuchte Pulvermatrix
anschliessend aus dem Reaktor entfernt.
Das feuchte Pulver wird nun gleichmässig auf grobmaschigen Metallsieben
ausgebreitet und mit durchströmender Warmluft bei einer Temperatur von 60°C während
24 Stunden getrocknet. Das TLP wird schliesslich durch Aufpolieren von ca. 0.3%
Graphit und gegebenfalls durch Behandlung mit speziellen Moderatoren auf bekannte
Weise in der Poliertrommel fertiggestellt.
Das fertiggestellte TLP weist eine Explosionswärme von 3999 J/g auf,
seine Schüttdichte beträgt 1062 g/Liter. In einer 25 mm Rohrwaffe lässt sich bei
einem unterkalibrigen Pfeilgeschoss der Masse 123 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit
von 1438 m/s erreichen unter Einhaltung der waffenmässig zulässigen Spitzengasdrucks,
was einer Mündungsenergie von 1271 J/gTLP entspricht.
Bei -32°C erreicht dasselbe Pulver bei gleicher Ladung wie zuvor eine
Geschwindigkeit von 1416 m/s auf, bei 62°C eine solche von 1442 m/s. Demgegenüber
ergibt ein konventionelles einbasiges TLP, geschossen im gleichen Waffensystem
wie zuvor mit einer unterkalibrigen Pfeilmunition der Masse 130 g bei 21°C eine
Mündungsgeschwindigkeit von 1381 m/s, was einer Mündungsenergie von 1191 J/g entspricht.
Bei -30°C ergibt sich eine Mündungsgeschwindigkeit von 1320 m/s, bei 50°C eine
solche von 1411 m/s.
Beispiel 2: Herstellungsprozess in wässriger Emulsion
Analog Beispiel 1 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.57
mm Aussendurchmesser, 2.94 mm Länge und einem mittleren Lochdurchmesser von 0.16
mm, aufgebaut aus den festen Anteilen von 1.2% Akardit-ll, 0.2% Calciumkarbonat,
1.4% Kaliumsulfat und 97.2% Nitrocellulose mit einem Stickstoffgehalt von 13.15%,
mit 14.4 kg Nitroglycerin und 3.3 kg desselben Polyesters wie in Beispiel 1 behandelt.
Das nach der Fertigstellung analog Beispiel 1 resultierende Treibladungspulver
weist eine Schüttdichte von 1063 g/l bei einer Explosionswärme von 3961 J/g auf.
In einer 20 mm Rohrwaffe lässt sich bei einem Geschoss der Masse 126
g und einer Ladungsmasse von 44.5 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 1063
m/s bei einem Spitzengasdruck von 4146 bar (Einhaltung des waffenmässig zulässigen
Spitzengasdrucks) erreichen, was einer kinetischen Mündungsenergie von 1601 J/gTLP
und einem thermischen Wirkungsgrad von 0.404 entspricht.
Beispiel 3: TLP mit energetischem Weichmacher
Analog Beispiel 2 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.65
mm Aussendurchmesser, 3.06 mm Länge und einem mittleren Lochdurchmesser von 0.16
mm, aufgebaut aus den festen Anteilen von 1.2% Akardit-II, 0.2% Calciumkarbonat,
1.4% Kaliumsulfat und 97.2% Nitrocellulose mit einem Stickstoffgehalt von 13.15%,
mit 14.4 kg einer Mischung von 60% Methyl-NENA (Verbindung I, R1 = Methyl)
und 40% Ethyl-NENA (Verbindung I, R1 = Ethyl) sowie mit 2.8 kg desselben
Polyesters wie in Beispiel 1 behandelt. Das resultierende Treibladungspulver weist
eine Schüttdichte von 1070 g/l bei einer Explosionswärme von 3799 J/g auf.
In einer 20 mm Rohrwaffe lässt sich bei einem Geschoss der Masse 126
g und einer Ladungsmasse von 44.5 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 908
m/s erreichen, bei einer Ladungsmasse von 42 g dagegen werden 853 m/s erreicht.
Pro Gramm Ladung resultiert hiermit ein Geschwindigkeitszuwachs von 22.0 m/s bei
einem Druckzuwachs von 116.4 bar, was einem Verhältnis Δ Vo gTLP
/ Δ Pmax gTLP von 0.19 entspricht. Beim TLP aus Beispiel 2 weist
dasselbe Verhältnis einen Wert von lediglich 0.07 auf. Beim Heraufladen (Zufügen
von Ladung) geht also bei TLP von Beispiel 3 die Geschwindigkeitszunahme mit einer
deutlich tieferen Druckzunahme einher als beim Treibladungspulver von Beispiel
2.
Beispiel 4: TLP mit Kornmatrix aus Nitrocellulose + kristallinem
Energieträger
Analog Beispiel 3 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 3.00
mm Aussendurchmesser, 3.50 mm Länge, einem mittleren Lochdurchmesser von 0.17 mm
und einer Dichte von 1.62 g/ml, aufgebaut aus den festen Anteilen von 20.0% RDX
(auch als Hexogen bezeichnet; vgl. Struktur IV) einer mittleren Korngrösse von
5 Mikrometer, 1.0% Akardit-II, 0.4% Calciumkarbonat, 0.6% Kaliumsulfat, 1% Restlösungsmittel
und 77% Nitrocellulose mit einem Stickstoffgehalt von 12.6%, mit 14.4 kg einer
Mischung von 60% Methyl-NENA (Verbindung I, R1 = Methyl) und 40% Ethyl-NENA
(Verbindung I, R1 = Ethyl) sowie mit 2.8 kg einer bei Raumtemperatur
viskosen, nicht festen Polyesterverbindung mit einem mittleren Molekulargewicht
von 3000 behandelt. Das nach der Fertigstellung analog Beispiel 1 resultierende
Treibladungspulver weist eine Schüttdichte von 1071 g/l bei einer Explosionswärme
von 3963 J/g auf.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass neben dem Verfahren zum Herstellen
an sich bekannter TLP auch neue TLP vorgeschlagen werden, in denen die bekannten
Sprengöle NGL und DEGN durch empfindlichkeitsreduzierte energetische Weichmacher
ersetzt sind. Diese TLP sind weniger sensibel auf Erschütterungen. Zur Leistungsoptimierung
können der Kornmatrix kristalline Energieträger beigefügt sein.
Die resultierenden, schichtartig aufgebauten TLP weisen bei voller
Systemkompatibilität ein gegenüber normalen TLP erhöhtes Leistungsniveau und ein
ausgeglichenes Temperaturverhalten auf. Die TLP sind im Vergleich zu zweibasigen
TLP günstiger herzustellen und weisen die nachteiligen Abbrandeigenschaften (Rohrerosion)
nitraminhaltiger TLP nicht auf.
Anspruch[de]
Verfahren zur Herstellung eines funktionalen hochenergetischen Materials mit
schichtartig strukturiertem Korn enthaltend einen energiereichen Weichmacher und
einen polymeren Phlegmatisator, dadurch gekennzeichnet, dass der Weichmacher
und/oder der Phlegmatisator in Form einer wässrigen Emulsion in das aufnahmefähige
Korn eindiffundiert wird bzw. werden.
Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass das Korn im Wesentlichen
aus Nitrocellulose besteht, insbesondere dass es zu mindestens 80% aus Nitrocellulose
mit einem Stickstoffgehalt von 11-13.5% besteht.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass
das Korn eine zylindrische Struktur hat mit einem Verhältnis von Durchmesser zu
Länge zwischen 0.5 und 2.0, einem Aussendurchmesser zwischen 0.5 und 10 mm und
dass insbesondere mindestens ein Loch, vorzugsweise mehrere Löcher mit einem Lochdurchmesser
zwischen 0.03 und 0.7 mm vorhanden ist bzw. sind.
Verfahren nach Anspruch 3, dadurch gekennzeichnet, dass das Korn durch
Verpressen eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs aus Nitrocellulose in einer
Strangpresse oder mittels Extrusion hergestellt wird, wobei der lösungsmittelhaltige
Pulverteig insbesondere Substanzen der allgemeinen Struktur III mit R4 = (-CH2-N-NO2)n
und n = 2 oder 3, in einem Gesamtanteil von 5-80% der Trockensubstanz des Pulverteigs
enthält, wobei die beigemischten Substanzen bevorzugt die Strukturen IV, V oder
VI aufweisen und deren Gesamtanteil im aufnahmefähigen Korn zwischen 10-60% liegt.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4, dadurch gekennzeichnet, dass
eine Diffusionstiefe im Bereich von 100-500 µm erzeugt wird.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 5, dadurch gekennzeichnet, dass
eine Lösung oder Emulsion des energiereichen Weichmachers in einem organischen
Lösungsmittel einer Mischung von unbehandeltem Grünpulver in Wasser zugeführt wird,
gefolgt von der Zugabe einer Lösung oder Emulsion des Phlegmatisators in Wasser,
wobei vorzugsweise die Zugabe der Lösung oder Emulsion des energiereichen Weichmachers
in einem organischen Lösungsmittel und die Lösung oder Emulsion von Phlegmatisator
in Wasser bei einer Temperatur zwischen 20-85 °C vorgenommen wird.
Verfahren nach Anspruch 6, dadurch gekennzeichnet, dass das zu behandelnde
Grünpulver vor der Zugabe der Lösung oder Emulsion des bei Raumtemperatur flüssigen
energiereichen Weichmachers in einem organischen Lösungsmittel im Reaktor unter
Rühren während 4-24 Stunden bei einer Temperatur von 20-85 °C vorgebadet wird.
Verfahren nach einem der Ansprüche 6 oder 7, dadurch gekennzeichnet, dass
das Grünpulver in der 1- bis 5-fachen Gewichtsmenge Wasser vorgelegt wird.
Verfahren nach einem der Ansprüche 6 bis 8, dadurch gekennzeichnet, dass
nach beendigter Zugabe der Lösung oder Emulsion des Phlegmatisators der Druck im
Reaktorkessel während 2-6 Stunden auf 400-800 mbar reduziert wird und dass die
verbleibenden flüssigen Anteile durch ein Bodensieb aus dem Reaktor abgelassen
werden und dass die resultierende Pulvermasse mit warmer Luft getrocknet wird.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass
auf die getrocknete Pulvermasse in einer Poliertrommel 0.01-2% Graphit aufgetragen
wird, um ein Schüttpulver mit einer Schüttdichte >1000 g/l zu erhalten.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 10, dadurch gekennzeichnet, dass
der energiereiche Weichmacher Nitroglycerin oder Diethylenglykoldinitrat ist oder
insbesondere die Struktur I oder II mit R1 = C1-C10-Alkyl,
C1-C10-Alkoxy oder Aryl, R2
und R3 unabhängig
voneinander C1-C5-Alkyl oder C1-C5-Alkoxy
aufweist und in einer Menge von 5-20% gegenüber dem Grünpulver eingesetzt wird.
Verfahren nach Anspruch 11, dadurch gekennzeichnet, dass der energiereiche
Weichmacher die Struktur I oder II mit R1 = C1-C4
(Methyl, Ethyl, n-Propyl, i-Propyl, n-Butyl, i-Butyl, t-Butyl), und mit R2/R3
unabhängig voneinander C1-C2 (Methyl, Ethyl) aufweist.
Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass
als polymerer Phlegmatisator eine organische Ether- und Esterverbindung mit einem
Molekulargewicht zw. 100-100'000 verwendet wird.
Funktionales hochenergetisches Material mit schichtartig strukturiertem Korn
gebildet durch einen in ein Grünpulver eingebrachten energiereichen Weichmacher
und einen polymeren Phlegmatisator, dadurch gekennzeichnet, dass der energiereiche
Weichmacher die Struktur I oder II mit R1 = C1-C10-Alkyl,
C1-C10-Alkoxy oder Aryl, R2
und R3 unabhängig
voneinander C1-C5-Alkyl oder C1-C5-Alkoxy
aufweist und in einer Menge von 5-20% gegenüber dem Grünpulver eingesetzt ist.
Funktionales hochenergetisches Material nach Anspruch 14, dadurch gekennzeichnet,
dass das Grünpulver durch Verpressung eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs
aus Nitrocellulose hergestellt ist, wobei der lösungsmittelhaltige Pulverteig Substanzen
der Strukturen IV, V oder VI, in einem Gesamtanteil von 10-60% der Trockensubstanz
des Pulverteigs enthält.
Grünkorn zur Herstellung eines funktionalen hochenergetischen Materials mit
schichtartig strukturiertem Korn enthaltend einen energiereichen Weichmacher und
einen polymeren Phlegmatisator, wobei das Grünkorn durch Verpressung eines lösungsmittelhaltigen
Pulverteigs aus Nitrocellulose gebildet ist, dadurch gekennzeichnet, dass
der lösungsmittelhaltige Pulverteig Substanzen der Struktur IV, V oder VI, in einem
Gesamtanteil von 10-60%der Trockensubstanz des Pulverteigs enthält.
Treibladungspulver enthaltend ein hochenergetisches funktionales Material nach
Anspruch 14.
Munition mit einem Treibladungspulver nach Anspruch 17.