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Dokumentenidentifikation DE102005006388A1 24.08.2006
Titel Replikationsdefiziente RNA-Viren als Impfstoffe
Anmelder Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., 80539 München, DE
Erfinder Neubert, Wolfgang J., Prof. Dr., 86926 Greifenberg, DE;
Bossow, Sascha, Dr., 86152 Augsburg, DE;
Schlecht, Sabine, Dipl.-Biol., 82110 Germering, DE
Vertreter Weickmann & Weickmann, 81679 München
DE-Anmeldedatum 11.02.2005
DE-Aktenzeichen 102005006388
Offenlegungstag 24.08.2006
Veröffentlichungstag im Patentblatt 24.08.2006
IPC-Hauptklasse C12N 7/00(2006.01)A, F, I, 20051017, B, H, DE
IPC-Nebenklasse A61K 35/76(2006.01)A, L, I, 20051017, B, H, DE   A61P 35/00(2006.01)A, L, I, 20051017, B, H, DE   A61K 39/00(2006.01)A, L, I, 20051017, B, H, DE   A61K 39/12(2006.01)A, L, I, 20051017, B, H, DE   C07H 21/02(2006.01)A, L, I, 20051017, B, H, DE   
Zusammenfassung Die vorliegende Erfindung betrifft ein Genom-replikationsdefizientes und transkriptionskompetentes Negativstrang RNA-Virus, welches zur Expression von Transgenen und insbesondere für den Bereich der Impfstoffentwicklung eingesetzt werden kann.

Beschreibung[de]

Die vorliegende Erfindung betrifft ein replikationsdefizientes und transkriptionskompetentes Negativstrang RNA-Virus, welches zur Expression von Transgenen und insbesondere für den Bereich der Impfstoffentwicklung eingesetzt werden kann.

Immunisierungen mit Lebendvakzinen ahmen die natürliche Infektion nach und erzeugen eine umfassende Immunantwort. Bei der Impfung werden abgeschwächte, aber vermehrungsfähige Viren eingesetzt. Die Vermehrung der Impfviren muss so langsam erfolgen, dass eine immunologische Antwort und damit Kontrolle der Vermehrung bzw. Eliminierung des Virus gewährleistet ist. Das Konzept der Lebendvakzine hat sich bei verschiedenen Altersgruppen vielfach bewährt. Allerdings gibt es wichtige Zielgruppen, bei denen Immunisierungen mit Lebendvakzinen problematisch sind und zusätzliche Sicherungsmaßnahmen erfordern: Maternale Antikörper schützen Säuglinge in den ersten Lebensmonaten. Sie stellen gleichzeitig eine Barriere dar, die bei der Lebendimmunisierung überwunden werden muss, ohne dass es dabei andererseits zu einer überschießenden Vermehrung des Impfvirus und den damit verbundenen Impfschäden kommen darf. Eine weitere Zielgruppe stellen ältere Menschen dar, deren Immunsystem nicht mehr so leistungsfähig ist, so dass es zu einer Überlastung durch die Impfung und zu Impfschäden durch erhöhte Vermehrung des Impfvirus kommen kann. Es ergibt sich also das Problem, die immunologisch hervorragende Lebendimpfung für die Anwendung in bestimmten Zielgruppen noch sicherer zu machen, aber auch für die allgemeine Anwendung das Sicherheitsprofil zu erhöhen.

Negativstrang RNA-Viren, z.B. wie etwa das Tollwutvirus oder das Sendaivirus (SeV), können seit einigen Jahren durch reverse Gentechnik zielgerichtet verändert werden. EP-A-0 702 085 beschreibt die Herstellung von rekombinanten, infektiösen, replizierenden nicht segmentierten Negativstrang RNA-Viren aus klonierter cDNA. EP-A-0 863 202 beschreibt ein rekombinantes Sendaivirus, in dessen Genom ein heterologes Gen inseriert oder ein Gen deletiert oder inaktiviert ist, dessen Genomreplikation aber noch intakt ist.

Als Vakzine-Rückgrat eignen sich Negativstrang RNA-Viren besonders, da ihre Vermehrung im Zytoplasma auf RNA-Niveau abläuft und Gene innerhalb des viralen Genoms einfach ausgetauscht werden können. So ist es bereits erfolgreich gelungen, rekombinante Viren mit Oberflächenproteinen verschiedener Virustypen herzustellen und als Vakzine in Tierversuchen einzusetzen (Schmidt et al., J. Virol. 75 (2001), 4594-4603 und WO 01/42445). Durch den rekombinanten Einbau von F- und HN-Proteinen des humanen Parainfluenzavirus Typ 3 (hPIV 3) und des G- oder F-Proteins des Respiratorischen Syncytial Virus (RSV) in einen Vektor auf Basis des bovinen Parainfluenzavirus Typ 3 (bPIV 3) konnte nach Applikation in Hamstern eine mukosale Immunantwort gegen hPIV 3 und RSV nachgewiesen werden. Eine bivalente Antigenität dieses im Tierversuch getesteten Lebendimpfstoffs ist somit bereits erreicht.

Wegen der Einschaltung der Speziesbarriere soll dieses bovine Parainfluenzavirus mit humanen PIV 3- und RSV-Oberflächenantigenen bereits für eine Anwendung im Humanbereich ausreichend attenuiert sein. Reversionen zum Wildtyp sind nicht zu erwarten, da komplette Gene für virale Oberflächenproteine ausgetauscht wurden. Es wurde bereits mit der klinischen Prüfung der Vakzine begonnen.

Da die beschriebenen Virus-Mutanten aber replikationskompetent sind, kommt es im Impfling sicher zu einer Virusvermehrung, deren Intensität zwar durch die Modifikation des Virus abgeschwächt, aber nicht vollständig ausgeschaltet ist. Die Stärke der zu erwartenden Virämie und damit die Belastung des Impflings mit Nebenwirkungen hängen dabei von individuellen Faktoren ab.

Im Rahmen der vorliegenden Erfindung sollte versucht werden, die Gefährdungen der Lebendvakzinierung, insbesondere die Gefährdung von Impflingen aus bestimmten Zielgruppen substanziell zu verringern.

Ein Ansatz hierzu besteht in der Unterdrückung der viralen Genomreplikation nach Applikation der Vakzine. Dadurch kann es unabhängig von der immunologischen Leistungsfähigkeit des Impflings nicht zu einer Vermehrung des Virus und entsprechenden Impfschäden kommen.

Bei diesem Ansatz besteht die prinzipielle Schwierigkeit, dass die virale RNA-Polymerase zwei Funktionen, die Synthese viraler mRNA und die Vermehrung der viralen Genome, durchführt. Diese Kopplung muss in der neuen Vakzine aufgehoben sein, da die Vakzine nur noch zur Synthese von viraler mRNA in der Lage sein darf.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass das rekombinante Virus eine effiziente Synthese von viraler mRNA bewirken muss, um überhaupt als Lebendvakzine geeignet zu sein. Es bestehen somit zwei sich prinzipiell widersprechende Anfoderungen, welche erhebliche Schwierigkeiten bei der Herstellung von sicheren, aber effizienten Lebendvakzinen auf Basis von Negativstrang RNA-Viren erwarten lassen.

Shoji et al. (Virology 318 (2004), 295-305) beschreiben die Herstellung und Charakterisierung eines P-Gen defizienten Tollwutvirus. Die Herstellung des Virus erfolgt mittels P-Protein exprimierenden Helferzellen. Die Viren sind ohne de novo-Synthese von P-Protein nur zur Primärtranskription in der Lage. Die geringe virale Genexpression zeigt sich in einem sehr schwachen Signal für N-Protein in der Immunfluoreszenz und nur bei sehr wenigen Zellen, ein überzeugenderer Nachweis dieser geringen viralen Genexpression wird erst durch PCR-Analyse geführt. Der Einsatz dieser Virusmutante in einem Challenge-Versuch im Mausmodell soll eine Protektion zeigen, allerdings fehlt ein Kontrollexperiment mit transkriptionsinaktivem Virus und das Intervall für den viralen Challenge ist zu kurz bemessen. Die Dauer der vermeintlichen Protektion wird nicht untersucht. Der Einsatz solcher Virusmutanten für die Entwicklung eines attenuierten Tollwutvakzins erscheint somit wenig erfolgversprechend.

Im Rahmen der zur vorliegenden Erfindung führenden Untersuchungen wurde gefunden, dass bei Paramyxoviren eine Entkopplung der Funktionen Replikation und Transkription dadurch erreicht werden kann, dass die Bestandteile der Polymerase, die für die Genomreplikationsfunktion essentiell sind, teilweise entfernt werden. Es kann sich hierbei um eines der viralen Proteine N, P und L handeln oder um eine spezielle funktionelle Domäne eines solchen Proteins.

Überraschenderweise wurde gefunden, dass durch Mutationen, bei denen die Funktion der von den viralen Genen N, L oder/und P kodierten Proteine nicht vollständig, sondern teilweise deletiert wird, replikationsdefiziente RNA-Viren hergestellt werden können, die eine ausreichende Transkriptionsfunktion besitzen, um zur Herstellung von Lebendvakzinen geeignet zu sein.

Ein Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist somit ein rekombinantes Negativstrang RNA-Virus, das replikationsdefizient und transkriptionskompetent ist. Das erfindungsgemäße Virus enthält ein virales Genom mit einer Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, wobei die Mutation zum Verlust der Genom-Replikation ohne Verlust der sekundären Transkriptionsfähigkeit führt.

Das erfindungsgemäße Virus ist eine Voraussetzung zur Herstellung von Lebendvakzinen, insbesondere zur Herstellung von Lebendvakzinen mit erhöhtem Sicherheitsprofil, die zur Anwendung bei Risikopatienten mit schwachem oder geschädigtem Immunsystem besonders geeignet ist.

Die Erfindung betrifft auch ein Nukleokapsid des rekombinanten Virus, umfassend die virale Negativstrang RNA, komplexiert mit den Proteinen N, L und P sowie die Negativstrang RNA des rekombinanten Virus in isolierter Form.

Ein weiterer Gegenstand der Erfindung ist eine cDNA, die für eine erfindungsgemäße Negativstrang RNA, insbesondere eine virale RNA oder/und eine dazu komplementäre RNA, kodiert.

Noch ein weiterer Gegenstand der Erfindung ist eine Zelllinie zur Vermehrung des erfindungsgemäßen rekombinanten Negativstrang RNA-Virus.

Das erfindungsgemäße rekombinante Negativstrang RNA-Virus ist durch Mutation eines Ausgangsvirus in mindestens einem der Gene N, L und P erhältlich. Das Ausgangsvirus kann ein natürliches Negativstrang RNA-Virus, insbesondere aus der Familie Paramyxoviridae oder eine rekombinante Variante davon sein. Besonders bevorzugte Vertreter sind z.B. Sendaivirus, humanes oder bovines Parainfluenzavirus, z.B. humanes Parainfluenzavirus (hPIV) Typ 1, 2, 3, 4a oder 4b, Newcastle Disease-Virus, Mumpsvirus, Masernvirus, Vesikuläres Stomatitis-Virus (VSV) oder humanes Respiratorisches Synctialvirus (hRSV). Besonders bevorzugt ist das Virus ein Sendaivirus, z.B. der Stamm Fushimi (ATCC VR105). Weiterhin von der Erfindung erfasst wurden auch rekombinante Varianten der zuvor genannten Viren, wie sie z.B. in EP-A- 702 085, EP-A-0 863 202 oder WO 01/42445 beschrieben sind.

Weitere bevorzugte Negativstrang RNA-Viren sind Vertreter der Rhabdoviridae, Filoviridae, Bornaviridae, Arenaviridae oder Bunyaviridae, z.B. VSV.

Das Sendaivirus ist – ebenso wie andere Paramyxoviren – ein behülltes Virus mit helikalem Nukleokapsid (1). Die Hülle besteht aus einer Lipidmembran, welche von der Plasmamembran der Wirtszelle stammt, aus welcher das Virus freigesetzt wurde. In die virale Hülle sind transmembrane Glycoproteine verankert, nämlich das Fusionsprotein (F) und die Hämagglutinin-Neuramidase (HN). Das Matrixprotein (M) kleidet die Innenseite der Membran aus. Das in der Hülle enthaltene Nukleokapsid besteht aus einzelsträngiger RNA im Komplex mit Nukleoprotein (N), wobei jeweils 6 Nukleotide der RNA von einem N-Protein gebunden werden, einer RNA-abhängigen RNA-Polymerase (L) und dem Cofaktor Phosphoprotein (P).

Das Negativstrang RNA-Genom des Sendaivirus enthält die Gene der 6 Strukturproteine in der Reihenfolge: 3'-N-P/C-M-F-HN-L-5' (2). Das P/C-Gen kodiert für insgesamt 8 Proteine, das strukturelle Phosphoprotein und alle bisher bekannten Nichtstrukturproteine.

Die Proteine P, N und L sind für eine funktionelle Transkription und Replikation wesentlich (Lamb et al., Paramyxoviridae: The Viruses and their Replication. Fields Virology, 4. Ausgabe (2001), Lippincott, Williams & Wilkins, Philadelphia, 1305-1340).

Das erfindungsgemäße rekombinante Negativstrang RNA-Virus enthält eine Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P. Die Mutation kann eine Deletion, Substitution oder/und Insertion in einem der Gene N, L oder P sein, die eine Replikationsdefizienz des Virus bewirkt, die aber die Fähigkeit zur Transkription nicht zerstört. Die Mutation betrifft vorzugsweise eine Teilsequenz der von den Genen N, L oder/und P kodierten Proteine, die für die Replikation notwendig ist, während andere für die Transkription notwendige Teilsequenzen funktionell erhalten bleiben.

In einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung weist das rekombinante Virus eine Mutation in Gen P auf und zwar in einer N-terminalen Teilsequenz des Gens P. Die Mutation betrifft vorzugsweise zumindest den Bereich der Aminosäuren 33-41 des Proteins P, die für die Replikationsfähigkeit wesentlich sind. Weiterhin ist bevorzugt, dass der C-terminale Bereich (ab Aminosäure 320) keine die Transkriptionsfunktion beeinträchtigende Mutationen aufweist. Besonders bevorzugt ist die Mutation eine zum Verlust der Replikationsfähigkeit führende Mutation im Bereich der Aminosäuren 2-77, beispielsweise eine Deletion von (a) den Aminosäuren 2-77 des vom Gen P kodierten Proteins oder (b) einer Teilsequenz zum Verlust der Replikationsfähigkeit ausreichenden Teilsequenz von (a). Entsprechende Mutationen können auch in P-Proteinen von anderen Negativstrang RNA-Viren, z.B. von anderen Paramyxoviren, z.B. hPIV3, erfolgen.

Das erfindungsgemäße rekombinante Virus ist replikationsdefizient und transkriptionskompetent. Der Verlust der Replikationsfähigkeit bedeutet, dass in einer Zielzelle (einer Zelle, die keine der durch Mutation deletierten Funktionen in trans bereitstellt) keine nachweisbare Virusgenom-Vermehrung gefunden wird, wobei im Unterschied zu einer verringerten bzw. konditionalen Replikationsdefizienz auch keine permissiven Bedingungen existieren, unter denen eine Replikation stattfinden kann. Die Bestimmung des Verlusts der Replikationsfähigkeit kann wie in Beispiel 8 beschrieben erfolgen. Das erfindungsgemäße Virus ist jedoch in der Lage, nach Infektion in einer Zielzelle die von ihm kodierten Genprodukte zu transkribieren, so dass eine Expression der viralen Proteine einschließlich eines oder mehrerer heterologer Genprodukte in der Zielzelle erfolgen kann. Wesentlich ist, dass das erfindungsgemäße rekombinante Virus die Fähigkeit zur sekundären Transkription besitzt, d.h. die viralen Genprodukte, die durch primäre Transkription mit den ursprünglich im Nukleokapsid enthaltenen Proteinkomponenten entstehen, sind in der Lage, selbst eine sekundäre Transkription zu bewirken oder/und zu unterstützen. Das Ausmaß der sekundären Transkription fürht dabei zu einer Proteinsynthese von vorzugsweise mindestens 1 %, mindestens 2 %, mindestens 3 %, mindestens 4 % oder mindestens 5 % gegenüber einem entsprechenden Wildtypvirus, d.h. einem Virus ohne die Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P. Die Fähigkeit zur sekundären Transkription kann gegenüber dem entsprechenden Wildtypvirus verringert sein, vorzugsweise jedoch höchstens um den Faktor 20, besonders bevorzugt höchstens um den Faktor 10. Die Fähigkeit zur sekundären Transkription kann wie in Beispiel 7.1 oder/und 7.3 durch quantitative Bestimmung der Expression eines heterologen Genprodukts, z.B. eines Reporterproteins, ermittelt werden.

Neben der Mutation enthält das erfindungsgemäße rekombinante Virus vorzugsweise mindestens ein Transgen, d.h. mindestens eine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz. Das heterologe Genprodukt kann ein Protein, beispielsweise ein Reporterprotein, z.B. ein Fluoreszenzprotein wie etwa GFP oder ein Derivat davon, oder ein Antigen, gegen das eine Immunantwort erzeugt werden soll, oder ein therapeutisches Protein, z.B. ein Protein für die Virotherapie oder auch ein funktionelles RNA-Molekül, z.B. eine Antisense RNA, ein Ribozym oder ein zur RNA-Interferenz befähigtes siRNA-Molekül sein. Bevorzugt ist das heterologe Genprodukt ein Antigen, das von einem Pathogen, wie etwa einem Virus, einem Bakterium, einem Pilz oder einem Protozoon stammt, ein Tumorantigen oder ein Autoantigen. Besonders bevorzugt ist das Antigen ein virales Antigen, das von einem heterologen Negativstrang RNA-Virus, wie etwa einem humanen Parainfluenzavirus oder RSV stammt, z.B. hPIV3 F und HN bzw. hRSV F und G. Das erfindungsgemäße Virus kann ein oder mehrere, z.B. zwei oder drei, für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenzen enthalten.

Der Einbau von Transgenen in Paramyxoviren ist beispielsweise bei Hasan et al. (J. Gen. Virol. 78 (1997), 2813-2820), Bukreyev et al., (J. Virol. 70 (1996), 6634-6641), Yu et al. (Genes Cells 2 (1997), 457-466), Masaki et al. (FASEBVB J. 15 (2001), 1294-1296), Shiotani et al. (Gene Therapy 8 (2001), 1043-1050) und Bitzer et al. (Mol. Therapy 7 (2003), 210-217) beschrieben. Vorzugsweise werden die Transgene in den 3'-Bereich des viralen Genoms inseriert. Die Insertion erfolgt beispielsweise in Form von Transkriptionskassetten, wobei auf Vektorebene (d.h. auf Ebene des Vektors, z.B. eines Plasmid-Vektors, der für die Negativstrang RNA kodiert) direkt nach dem leader-Bereich eine oder mehrere Transkriptionskassetten mit singulären Restriktionsschnittstellen für die Integration der jeweiligen Leserahmen eingebracht werden. Eine Integration von mehreren Transgenen erfolgt vorzugsweise in jeweils unabhängigen Transkriptionskassetten. Eine Transkriptionskassette enthält vorzugsweise die für das heterologe Genprodukt kodierende Sequenz in operativer Verknüpfung mit einer Transkriptionsstartsequenz und einer Transkriptionsterminationssequenz und vorzugsweise Translationssignalen.

Ein weiterer Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist ein einzelsträngiges oder doppelsträngiges DNA-Molekül, z.B. ein cDNA-Molekül, das für ein erfindungsgemäßes rekombinantes Negativstrang RNA-Virusgenom oder eine Vorstufe davon oder das Virus-Antigenom oder einer Vorstufe davon kodiert. Der Begriff „Vorstufe" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das DNA-Molekül noch keine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz, sondern lediglich eine Klonierungsstelle zur Einführung einer solchen Sequenz enthält. Die Klonierungsstelle kann eine Restriktionsschnittstelle, beispielsweise eine singuläre oder nicht-singuläre Restriktionsschnittstelle in der DNA oder eine multiple Klonierungsstelle, enthaltend mehrere aufeinander folgende Restriktionsschnittstellen, vorzugsweise singuläre Restriktionsschnittstellen sein. Das für das Virusgenom oder/und die komplementäre Sequenz kodierende DNA-Molekül liegt vorzugsweise in operativer Verknüpfung mit geeigneten Expressionskontrollsequenzen vor.

Das DNA-Molekül ist vorzugsweise ein Vektor, beispielsweise ein Plasmid-Vektor, der zur Propagation in einer geeigneten Wirtszelle, d.h. in einer Vektor- oder Plasmid-Vermehrungszelle, vorzugsweise in einer eukaryontischen Zelle, insbesondere in einer Säugerzelle, geeignet ist und die hierfür notwendigen genetischen Elemente, wie etwa Replikationsursprung, Integrationssequenzen oder/und Selektionsmarker-Sequenzen, aufweist.

Das DNA-Molekül enthält die für das rekombinante Virus oder die komplementäre Sequenz kodierende Sequenz, vorzugsweise unter Kontrolle eines Transkriptionssignals, so dass bei Transkription mit einer DNA-abhängigen RNA-Polymerase in einer zur initialen Herstellung des Virus geeigneten Wirtszelle, d.h. in einer Virus-Herstellungszelle, die virale Negativstrang RNA gebildet werden kann. Das Transkriptionssignal wird so gewählt, dass es in der jeweils verwendeten Wirtszelle eine effiziente Transkription der DNA ermöglicht. Hierzu kann auch ein für die jeweilige Zelle heterologes Transkriptionssignal, z.B. ein Bakteriophagenpromotor, wie etwa der T7- oder SP6-Promotor, verwendet werden, wobei die Virus-Herstellungszelle dann auch eine entsprechende heterologe DNA-abhängigen RNA-Polymerase, z.B. der T7- oder SP6-RNA-Polymerase, enthalten muss, welche die Transkription bewirkt. Weiterhin enthält das DNA-Molekül neben dem Transkriptionssignal vorzugsweise am 3'-Ende der für das rekombinante Virus kodierenden Sequenz einen Transkriptionsterminator und eine Ribozymsequenz, die eine Spaltung des Transkripts am Ende der viralen Sequenz ermöglicht. Die Virus-Herstellungszelle ist vorzugsweise eine eukaryontische Zelle und insbesondere eine Säugerzelle.

Neben der für das replikationsdefiziente Paramyxovirus kodierenden DNA enthält die erfindungsgemäße Virus-Herstellungszelle darüber hinaus Helfersequenzen, deren Genprodukte eine Assemblierung des erfindungsgemäßen rekombinanten Virus-RNA in trans ermöglichen. Hierzu kann die Zelle z.B. weiterhin einen oder mehrere Vektoren enthalten, welche das N-Protein, das P-Protein oder/und das L-Protein in trans bereitstellen. Hierdurch wird eine Assemblierung von Nukleokapsiden des erfindungsgemäßen rekombinanten Virus in der Herstellungszelle ermöglicht.

Die Vermehrung des initial in der Virus-Herstellungszelle assemblierten rekombinanten Virus erfolgt in einer Virus-Vermehrungszelle, die mit dem erfindungsgemäßen Virus infiziert ist. Zusätzlich enthält die Virus-Vermehrungszelle Helfersequenzen wie oben genannt, zur Bereitstellung des N-Proteins, des P-Proteins oder/und des L-Proteins in trans. Vorzugsweise wird eine Virus-Vermehrungszelle verwendet, in der eine stabile Expression der Helfersequenzen, z.B. durch genomische Integration, erfolgt. Die Virus-Vermehrungszelle ist vorzugsweise eine Säugerzelle. Eine besonders bevorzugte Vermehrungszelle ist die von einer 293-Zelle, einer humanen embryonalen Nierenfibroblasten-Zelllinie abgeleitete Zelle H29 oder eine davon abgeleitete Zelle. Die Zelle H29 wurde am 05.11.2004 (DSM ACC 2702) gemäß den Bestimmungen des Budapester Vertrags bei der Deutschen Sammlung für Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH, Braunschweig, Mascheroder Weg, hinterlegt. Weiterhin geeignet sind auch von Vero-Zellen, einer Nierenzelllinie aus der Afrikanischen Grünen Meerkatze, oder von LLCMK2-Zellen, einer Nierenzelllinie aus dem Rhesusaffen, abgeleitete Zellen, die stabil mit entsprechenden Helfersequenzen, z.B. SeV N- und P-Genen, transfiziert sind.

Ein weiterer Gegenstand der Erfindung ist daher eine Zelle, vorzugsweise eine eukaryontische Zelle und besonders bevorzugt eine Säugerzelle, die (i) ein DNA-Molekül, welches für das Genom des erfindungsgemäßen rekombinanten Virus oder/und die komplementäre Sequenz davon oder eine Vorstufe davon kodiert, oder/und (ii) ein RNA-Genom des erfindungsgemäßen Virus enthält. Die Zelle kann eine Vektor-Vermehrungszelle, eine Virus-Herstellungszelle oder eine Virus-Vermehrungszelle, wie zuvor erläutert, sein.

Wenn die Zelle eine Vektor-Vermehrungszelle, z.B. eine Plasmid-Vermehrungszelle, ist, kann jede beliebige zur Vermehrung des entsprechenden Vektors geeignete Zelle verwendet werden, z.B. auch eine prokaryontische Zelle wie etwa eine transformierte E. coli Zelle.

Wenn die Zelle eine Virus-Herstellungs- oder Vermehrungszelle ist, enthält sie Helfersequenzen zur Herstellung der Virusproteine N,P oder/und L in trans. Die in eine Virus-Herstellungszelle eingeführte DNA steht vorzugsweise unter Kontrolle eines heterologen Transkriptionssignals, wobei die Zelle günstigerweise weiterhin eine DNA enthält, die für eine heterologe DNA-abhängige RNA-Polymerase kodiert, welche das heterologe Transkriptionssignal erkennt und die Transkription der für das rekombinante Negativstrang RNA-Virus kodierenden DNA bewirkt.

Wenn die Zelle eine Virus-Vermehrungszelle ist, ist sie mit einem genomischen viralen RNA-Molekül, z.B. in Form eines Nukleokapsids, infiziert und enthält die Helfersequenzen in stabil exprimierbarer Form.

Noch ein weiterer Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist ein Verfahren zur Herstellung eines erfindungsgemäßen rekombinanten Negativstrang RNA-Virus, umfassend die Schritte: (a) Bereitstellen einer Virus-Herstellungszelle, die mit einem DNA-Molekül transfiziert ist, das für das Genom eines Negativstrang RNA-Virus kodiert, enthaltend eine Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, die zum Verlust der Genom-Replikationsfähigkeit ohne Verlust der Transkriptionsfähigkeit führt, und gegebenenfalls mindestens eine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz, und (b) Kultivieren der Wirtszelle unter Bedingungen, dass eine Transkription des DNA-Moleküls gemäß (a) erfolgt und das rekombinante Negativstrang RNA-Virus initial gebildet wird. Die Wirtszelle ist vorzugsweise in der Lage, das N-Protein, das P-Protein und/oder das L-Protein in trans bereitzustellen, z.B. durch Transfektion mit den entsprechenden Helferplasmiden, die für die Proteine N, P oder/und L kodierende Sequenzen enthalten.

Zur Herstellung großer Mengen der Nukleokapside bzw. der Viruspartikel wird vorzugsweise eine Zelle verwendet, welche konstitutiv oder induzierbar die Proteine N, L oder/und P, vorzugsweise zumindest das Protein P eines Negativstrang RNA-Virus stabil exprimiert. Die Erfindung betrifft somit auch ein Verfahren zur Vermehrung eines erfindungsgemäßen rekombinanten Negativstrang RNA-Virus, umfassend die Schritte: (a) Bereitstellen einer Virus-Vermehrungszelle, die mit dem Genom eines Negativstrang-RNA-Virus infiziert ist, enthaltend eine Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, die zum Verlust der Genom-Replikationsfähigkeit ohne Verlust der Transkriptionsfähigkeit führt, und gegebenenfalls mindestens eine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz, und (b) Kultivieren der Wirtszelle unter Bedingungen, dass eine Vermehrung des Virus erfolgt.

Noch ein weiterer Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist eine pharmazeutische Zusammensetzung, die ein rekombinantes replikationsdefizientes und transkriptionskompetentes Negativstrang RNA-Virus, wie zuvor angegeben, oder dessen Nukleokapsid als Wirkstoff sowie gegebenenfalls als pharmazeutisch übliche Träger- oder/und Hilfsstoffe enthält. Die pharmazeutische Zusammensetzung ist für Anwendungen in der Human- und Veterinärmedizin geeignet. Sie kann insbesondere als Impfstoff oder für die Anti-Tumortherapie, insbesondere zur Anwendung bei Risikopatienten, wie etwa Kindern, älteren Personen oder/und Personen mit geschädigtem oder schwachem Immunsystem, verwendet werden. Die pharmazeutische Zusammensetzung kann dabei das Negativstrang RNA-Virus in seiner nativen viralen Hülle enthalten.

Die pharmazeutische Zusammensetzung kann in Form einer Lösung, Suspension, eines Lyophilisats oder in jeder anderen geeigneten Form vorliegen. Neben dem Wirkstoff kann die Zusammensetzung Mittel zur Einstellung des pH-Werts, Puffer, Mittel zur Einstellung der Tonizität, Netzmittel und dgl. sowie Adjuvanzien enthalten. Die Verabreichung kann auf üblichem Weg, z.B. oral, topisch, nasal, pulmonal etc. in Form von Aerosolen, Flüssigkeiten, Pulvern etc. erfolgen. Dabei wird eine therapeutisch wirksame Dosis des Virus an den Patienten verabreicht, wobei diese Dosis von der jeweiligen Anwendung (z B. Virotherapie oder Vakzine), von der Art der Erkrankung, dem Gesundheitszustand und Gewicht des Patienten, der Art der Verabreichung und der Formulierung etc. abhängt. Üblicherweise werden pro Applikation 103 bis 107 Viruspartikel, besonders bevorzugt etwa 104 bis 106 Viruspartikel verabreicht. Gegebenenfalls können mehrere unterschiedliche Viruspartikel gemeinsam verabreicht werden, z.B. im Fall von Kombinationsimpfungen. Die Verabreichung kann ein- der mehrfach, je nach Bedarf erfolgen.

Bevorzugte Anwendungsgebiete sind z.B. die Vorbeugung bzw. Behandlung von respiratorischen Viruserkrankungen Weiterhin soll die Erfindung durch die nachfolgenden Abbildungen und Beispiele erläutert werden.

1. Allgemeines

1 zeigt die Morphologie eines Sendaivirus (SeV) nach Fields (Virology. Lippincott, Williams und Wilkins (2001), 4. Auflage; modifiziert). Das Genom besteht aus einer einzelsträngigen RNA, die mit den Proteinen N, P und L in Form eines Nukleokapsids vorliegt. Das Nukleokapsid ist von einer Membranhülle umgeben, in welche die Proteine HN und F (bestehend aus jeweils einer F1- und F2-Untereinheit) eingelagert sind. Mit der Innenseite der Membran ist das Protein M assoziiert, das gleichzeitig auch in Bindung mit den Nukleokapsidkomponenten vorliegt.

Das einzelsträngige negativ orientierte RNA-Genom des Sendaivirus-Wildtyp besteht aus 15384 Nukleotiden. Die Gene der 6 Strukturproteine liegen darauf in der Reihenfolge 3'-N-P/C-M-F-HN-L-5' vor (2). Zwischen den Genen liegen Übergänge aus 50-80 Nukleotiden, die jeweils eine stark konservierte Region von 22 Nukleotiden enthalten: das Terminationssignal des vorangegangenen Gens, eine intergenische Sequenz und das Startsignal für das folgende Gen. Eine Einheit aus Startsignal, offenem Leserahmen (ORF) und Terminationssignal wird als Transkriptionskassette bezeichnet. Vor dem N-Gen befindet sich eine 55 Nukleotide lange Leader-Sequenz (ld), die transkribiert, allerdings nicht translatiert wird. Hinter dem L-Gen befindet sich die 54 Nukleotide lange Trailersequenz (tr). Die ld- und tr-Region fungieren als genomische und antigenomische Promotoren für die Replikation von Genom bzw. Antigenom. Die durch Transkription gebildeten mRNA-Moleküle sind mit Ausnahme der P/C-RNA monocistronisch.

Der Vermehrungszyklus des Sendaivirus umfasst den Eintritt in die Wirtszelle, die Transkription und Translation sowie die Replikation und Virusreifung mit anschließender Ausschleusung neu produzierter Viren. Am Vorgang der Transkription sind insbesondere die Proteine N, P und L beteiligt, wobei L die virale RNA-abhängige RNA-Polymerase mit allen katalytischen Aktivitäten darstellt. Da das Genom des Sendaivirus in Negativstrang-Orientierung vorliegt, kann die virale RNA nicht direkt in Proteine übersetzt werden. Zunächst erfolgt eine primäre Transkription zu mRNAs durch RNA-Polymerase, die mit dem Nukleokapsid assoziiert in die Zelle gebracht wird.

3 zeigt eine schematische Darstellung des Transkriptionsmodus des Sendaivirus. Dabei wandert der Polymerase-Komplex, bestehend aus einem L-Protein und einem Homotetramer aus P-Proteinen, auf der mit N-Proteinen verpackten RNA in Richtung des 5'-Endes entlang. Dabei wird die genetische Information auf der genomischen Negativstrang RNA abgelesen und in Positivstrang mRNA transkribiert.

Die Replikation des Genoms umfasst die Herstellung neuer Virusgenome mit negativer Polarität. Hierzu werden zunächst Antigenome gebildet, die dann als Matrizen für die Bildung der Genome dienen. Da die Transkription am 3'-Ende des Genoms (ld) beginnt, ist eine Umschaltung vom Transkriptions- in den Replikationsmodus erforderlich. Dieses Umschalten wird von der Menge an freiem N-Protein in der Zelle bestimmt. Erst wenn ausreichend N-Protein nach der Translation von mRNA-Molekülen gebildet worden ist, kann eine Replikation erfolgen. Nachdem ein Antigenom, das über seine ganze Länge mit N-Proteinen komplexiert ist, vorliegt, kann dieses als Matrize zur Herstellung von weiteren Genomen dienen. Diese werden ebenfalls direkt mit N-Proteinen verpackt. Für den Prozess der Replikation sind wiederum die Proteine N, P und L verantwortlich (4).

Während der Virusreplikation werden durch die steigende Anzahl an mRNA-Molekülen auch zunehmend virale Proteine synthetisiert. Dann werden Komplexe aus viraler RNA und viralen Proteinen (Nukleokapside) in Form von sekretorischen Vesikeln zur Zytoplasmamembran transportiert, wo es zur Umhüllung mit viralen Oberflächenproteinen und Knospung von Viruspartikeln kommt.

Im Rahmen der vorliegenden Erfindung werden rekombinante Virusmutanten bereitgestellt, bei denen die Funktionen der Transkription und Replikation entkoppelt sind, d.h. die Viren sind transkriptionskompetent, aber replikationsdefizient. Die fehlende Genomreplikationsfunktion muss für die Herstellung von Viruspartikeln bzw. deren Nukleokapsiden durch Helferzellen kompensiert werden, die das fehlende oder funktionsdefiziente virale Protein in trans komplementieren. Eine bevorzugte solche Helferzelle ist die Zelllinie H29 (Willenbrink und Neubert, J. Virol. 68 (1994), 8413-8417). Diese Zelllinie wurde im Rahmen der vorliegenden Anmeldung gemäß den Bestimmungen des Budapester Vertrags unter dem Aktenzeichen DSM ACC2702 am 05.11.2004 hinterlegt. Zur Herstellung von replikationsdefizienten, aber transkriptionskompetenten Viren wurde das für das P-Protein kodierende Gen nicht vollständig entfernt, sondern nur eine für die Genomreplikation essentielle Domäne. So war aus früheren Arbeiten (Curran, Virology 221 (1996), 130-140; Curran et al. J. Virol. 69 (1995), 849-855) bekannt, dass in einem in vitro System bei Deletion der Aminosäuren 2-77 des Proteins P die Genomreplikation inhibiert wird, während die virale Transkription aktiv bleibt.

5 zeigt eine schematische Darstellung des P-Proteins mit seinen N- und C-terminalen Domänen (PNT, PCT), der Tetramerisierungsdomäne (Aminosäuren 320-446), der P:L-Domäne (Aminosäuren 411-445) und der P:RNP-Bindedomäne (Aminosäuren 479-568). Für eine Abschaltung der viralen Genomreplikationsfunktion bei gleichzeitiger Beibehaltung der Fähigkeit zur viralen mRNA-Synthese wurde eine Deletion der ersten 77 Aminosäuren des Proteins P ausgewählt. Dabei wurde erstmals eine entsprechende Sendaivirus-Mutante (SeV-P&Dgr;2-77) erzeugt, bei der der 5'-terminale Bereich des P-ORF deletiert wurde. Von diesen Viren können nur N-terminal verkürzte P-Proteine kodiert werden. Infektionsstudien zeigten, dass die Virusmutante in Zellkultur nicht vermehrungsfähig ist. Mit Hilfe der Helferzelllinie H29 (DSM ACC2702), die unter anderem das erforderliche Wildtyp-P-Protein bereitstellt, kann eine Vermehrung der Virusmutante erreicht werden. Die Effizienz der Virusvermehrung beträgt ca. 45 % im Vergleich zu Wildtyp-Sendaiviren.

Nach Infektion ist die erfindungsgemäße Virusmutante in der Lage, viruskodierte Transgene in infizierten Zellen zu exprimieren. Das von der Virusmutante bereitgestellte verkürzte Protein P unterstützt ausreichend die sekundäre virale mRNA-Synthese. Die Synthese viruskodierter Proteine erstreckt sich in den infizierten Zellen über mehrere Tage und ist nur um den Faktor von ca. 10 gegenüber dem Viruswildtyp reduziert, so dass beim Einsatz der Mutante als Vakzine eine ausreichende Immunantwort sicher erwartet werden kann.

2. Herstellung von Basiskonstrukten für replikationsdefiziente Sendaivirus-Vektoren (SeVV) 2.1 Herstellung eines cDNA-Konstrukts pSeV-X

Es wurde eine kodierende Transkriptionskassette in den 3'-Bereich von SeV, Stamm Fushimi (ATCC VR105), eingefügt. Bei allen Manipulationen des Genoms muss unbedingt beachtet werden, dass die Gesamtzahl der Nukleotide des rekombinanten SeV Genoms durch sechs teilbar ist („rule of six").

Ausgehend von der als Matrize verwendeten cDNA pSeV wurden zwei PCR-Fragmente PCR X I und PCR X II für die Herstellung von pSeV-X bereitgestellt (6).

PCR X I (370 bp) besteht aus der Sequenz des T7-Promotors (T7-Prom.), der leader (ld)-Sequenz, dem N-Genstart mit 5'-NTR bis vor das Start-Codon des N-ORF (Open Reading Frame). Über den reverse-Primer X I (+) (Tabelle 3) wurden eine singuläre NotI-Restriktionsschnittstelle und 24 Nukleotide der N-Genstoppsequenz angefügt. Die 24 Nukleotide der N-Genstoppsequenz von PCR X I, eingefügt durch den mutagenen Primer X I (+), dienen im darauf folgenden Fusionsschritt als der mit PCR X II überlappende Bereich.

PCR X II (970 bp) besteht aus der Sequenz des N-Genstarts und des ersten Drittel des N-ORF. Über den forward-Primer X II wurde die Sequenz der 3'-NTR N und die Genstopp-Sequenz von N, wie auch die intergene Region (IR) angefügt. Der reverse Primer XII (+) bindet im ersten Drittel des N-ORF kurz hinter der im SeV Genom singulären SphI Schnittstelle. Das Amplikon PCR X I war im 3'-Bereich komplementär zum 5'-Bereich von PCR XII. Durch diesen überlappenden Bereich konnten die beiden PCR-Fragmente X I und X II fusioniert werden. Nach erfolgter PCR konnte das Fusions-Produkt (1310 bp) durch Restriktionsspaltung mit den Enzymen MluI und SphI in den ebenfalls mit MluI und SphI behandelten Vektor pSeV eingefügt werden. Aus den erhaltenen Klonen wurde durch Plasmid-Präparation Plasmid-DNA isoliert und durch Restriktionsanalyse und Sequenzierung auf die korrekte Insertion der Transkriptionskassette überprüft. Es stand somit das cDNA Konstrukt pSeV-X zur Verfügung.

Um die Erzeugung von rekombinanten Viren leicht verfolgen zu können, wurde nun das Gen für das enhanced green fluorescent protein (eGFP) in die leere Kassette von pSeV-X eingefügt. Der eGFP-ORF wurde durch PCR aus dem Expressionsplasmid pEGFP-N1 (Fa. Clontech) amplifiziert, wobei durch mutagene Primer die Einhaltung der „rule of six" und das Anfügen von zwei flankierenden NotI-Schnittstellen erreicht wurde. Das entstandene 771 bp große PCR-Fragment wurde mit dem Restriktionsenzym NotI gespalten und ein 738 bp großes Fragment durch Gelelution isoliert, das über die NotI-Schnittstelle von pSeV-X in dessen „leere" Transkriptionskassette pSeV-X eingesetzt wurde. Nach Transformation von E.coli, Plasmid-Präparation und anschließender Sequenzierung des über PCR eingefügten eGFP-Leserahmens stand das cDNA Konstrukt pSeV-eGFP zur Verfügung.

2.2 Herstellung des cDNA-Konstrukts pSeV-X-X

Durch das Konstrukt pSeV-X-X sollten zwei zusätzliche Transkriptionskassetten zur Verfügung gestellt werden, in welche zwei Transgene eingebaut werden können. Die Verwendung von pSeV-X-X als Basisvektor für die Herstellung der replikationsdefizienten Vektoren sollte es ermöglichen, den Vektor mit multivalenten, z.B. trivalenten, Eigenschaften auszustatten.

pSeV-X-X wurde über eine PCR-Reaktion hergestellt, bei der pSeV-X als Template diente (7). Der Primer XX-forward hybridisiert mit pSeV-X im Bereich der NotI-Schnittstelle und dem 3'-NTR der zu integrierenden, zweiten Transkriptionskassette. Eine singuläre SgrAl-Restriktionsschnittstelle wurde mit Hilfe des XX-forward Primers zwischen der NotI-Schnittstelle und dem 3'-NTR eingeführt. Sie dient als singuläre Restriktionsschnittstelle für die spätere Insertion des ORFs eines Transgens. Im PCR-Produkt XX folgen Genstopp, intergene Region (IR), Genstart und 5'-NTR. Durch den Primer XX (+), der mit dem 5'-NTR hybridisiert, wurden die singulären Restriktionschnittstellen Fsel und Nru I eingefügt. Die Fsel-Schnittstelle dient dem Einbau des ORFs eines zweiten Transgens. Die singuläre Nru I-Schnittstelle wurde vorausschauend einkloniert, um bei Bedarf eine dritte Transkriptionskassette integrieren zu können. Der Primer XX (+) hybridisiert im 3'-Bereich mit der Sequenz der NotI-Schnittstelle von pSeV-X. Das PCR-Produkt XX (220 bp) wurde mit dem Restriktionsenzym NotI behandelt und ein Fragment von 144 bp durch Gelextraktion isoliert.

Dieses Fragment, konzipiert unter Einhaltung der „rule of six", konnte dann in das ebenfalls mit NotI-behandelte Plasmid pSeV-X eingebaut werden. Nach Überprüfung der korrekten Orientierung des NotI PCR-Fragments XX und Verifizierung der Sequenz stand das Plasmid pSeV-X-X bereit. In die singulären Schnittstellen SgrAl und Fsel können beliebige Transgene integriert werden.

Für die Untersuchungen in dieser Arbeit wurden die beiden Transkriptionskassetten (X) von pSeV-X-X mit Leserahmen von zwei verschiedenen fluoreszierenden Proteinen versehen. Zum einen wurde der Leserahmen für das fluoreszierende Protein eGFP aus dem Expressionsplasmid pEGFP-N1 durch PCR-Reaktion unter Einhaltung der „rule of six" amplifiziert, wobei mit Hilfe mutagener Primer zwei flankierende SgrAl-Schnittstellen angefügt wurden. Nach Restriktionsspaltung mit SgrAl und Gelelution konnte das etwa 738 bp große Fragment in die erste Transkriptionskassette von pSeV-X-X eingebaut werden (pSeV-eGFP-X). Auf gleiche Weise wurde zum anderen der ORF des fluoreszierenden Proteins DsRed (aus Plasmid „pDsRed", Fa. Clontech) unter Einhaltung der „rule of six" über PCR-Reaktion mit den Restriktionsschnittstellen von Fsel versehen, die DNA gespalten, geleluiert und dieses Fragment (702 bp) anschließend in die zweite Transkriptionskassette im 3'-Bereich von pSeV-eGFP-X einkloniert. Es entstand das genomische SeV cDNA Konstrukt pSeV-eGFP-DsRed.

3. Herstellung replikationsdefizienter Sendaivirus-Vektoren (SeVV)

Es wurden cDNA Konstrukte pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L hergestellt, die für replikationsdefiziente Sendaiviren kodieren, in denen jeweils das Protein N, P und L deletiert ist. Hierzu musste unter Einhaltung der rule of six jeweils ein Leserahmen der Gene N, P oder L deletiert werden, wobei eine nichtkodierende Transkriptionskassette an der entsprechenden Position erhalten bleiben sollte (8A).

Durch Einbau einer Restriktionsschnittstelle anstelle des deletierten ORF sollte in jedem cDNA Konstrukt pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L für spätere Anwendungen eine weitere funktionelle Transkriptionskassette zur Verfügung stehen, in die bei Bedarf ein weiteres Transgen eingesetzt werden kann.

Als weitere Variante eines replikationsdefizienten SeVV wurde die Deletionsmutante pSeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 hergestellt, die für ein N-terminal verkürztes P Protein kodiert, dem die Aminosäuren 2 bis 77 fehlen (8B).

Die Klonierungen pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L wurden alle nach demselben Prinzip durchgeführt. Exemplarisch soll die Klonierung von pSeVV-eGFP-&Dgr;P im folgenden Absatz ausführlich beschrieben werden. Im Anschluss daran werden nur die Unterschiede in den Klonierungen von pSeVV-eGFP-&Dgr;N und -&Dgr;L tabellarisch zusammengefasst.

3.1 Klonierung der cDNA-Konstrukte pSeVV-eGFP-&Dgr;P und pSeVV-eGFP-P&Dgr;2-77

Der ORF des P-Proteins wurde aus dem cDNA Konstrukt des replikationskompetenten Virus pSeV-eGFP entfernt, um die neue cDNA pSeVV-eGFP-&Dgr;P, kodierend für den replikationsdefizienten Vektor, herzustellen. Anstatt des P-ORF wurde eine XhoI-Restriktionsschnittstelle eingesetzt.

Für die Klonierung von pSeVV-eGFP-&Dgr;P wurden zwei PCR-Fragmente namens PCR &Dgr;P I und PCR &Dgr;P II hergestellt und anschließend fusioniert. Als Template für die beiden PCR-Reaktionen diente pSeV-eGFP. Beim Fragment PCR &Dgr;P I (1272 bp) wurde über den forward-Primer &Dgr;P I (= N-578; Tabelle 3) eine Hybridisierung mit dem Template im Bereich des N ORF vor einer singulären SphI-Stelle erreicht. Der reverse-Primer &Dgr;P I (+) hybridisiert mit dem Template im 5'-NTR Bereich des P-Gens bis vor das ATG-Codon von P und fügt dort die Restriktionsschnittstelle XhoI ein.

Das Fragment PCR &Dgr;P II besteht aus 1938 bp, als Template dient auch hier pSeV. Der forward-Primer &Dgr;P II hybridisiert mit einem Teil der 5'-NTR P Sequenz und hängt eine XhoI-Schnittstelle an. Der reverse-Primer von PCR &Dgr;P II (+) bindet im ORF des F Gens hinter einer singulären Eco47111 Stelle und weist zusätzlich eine artifizielle Mlu-Stelle auf.

Beide PCR-Fragmente &Dgr;P I und &Dgr;P II wurden über die XhoI-Stelle kombiniert. Das Fusionsprodukt – bestehend aus einer Teilsequenz des N ORF, der nicht-kodierenden P-Transkriptionskassette mit eingefügter XhoI-Restriktionsschnittstelle, dem M sowie einem Viertel des F ORF – wurde mit den Restriktionsenzymen SphI und MiuI gespalten, zwischenkloniert und sequenzverifiziert. Aus einem Subklon mit korrekter Sequenz wurde ein 3006 by großes SphI-Eco47III Fragment geschnitten, welches in den identisch behandelten Vektor pSeV-eGFP ligiert wurde. Ein entsprechender pSeVV-eGFP-&Dgr;P Klon (genomische virale cDNA) stand nach Sequenzüberprüfung nun für die Herstellung des replikationsdefizienten SeVV-eGFP-&Dgr;P bereit (9).

Zur Konstruktion der Deletionsmutante pSeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 wurde eine PCR mit zwei mutagenen Primern angewendet. Der forward Primer „XhoI P&Dgr;2-77" enthält eine XhoI-Stelle, gefolgt von einem ATG-Startcodon sowie Codons für die Aminosäuren 78 bis 86 des P Proteins. Der reverse Primer „P&Dgr;2-77 (+) XhoI" enthält die letzten 10 Codons des P Proteins und eine XhoI-Stelle. Der Leserahmen des N-terminal um 76 Aminosäuren verkürzten P-Proteins wurde mittels PCR, ausgehend vom Template pSeV, unter Einhaltung der rule of six hergestellt. Das XhoI-gespaltene, 1488 bp große Fragment wurde über zwei Klonierungsschritte in die nicht-kodierende Transkriptionskassette von pSeVV-eGFP-&Dgr;P an der Position des ursprünglichen P-ORF eingefügt. Nach Sequenzüberprüfung stand nun auch ein genomischer cDNA Klon für die Herstellung des replikationsdefizienten SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 bereit.

Die Deletion der Codons 2 bis 77 im P ORF hat zur Folge, dass im Falle der Nichtstrukturproteine auch das V und W Protein N-terminal verkürzt sind und von der C-Familie nur noch C' – ebenfalls trunkiert – kodiert bleibt; die Proteine C, Y1 und Y2 können aufgrund fehlender Startcodons nicht mehr von der verkürzten mRNA translatiert werden.

3.2. Klonierungen der cDNA-Konstrukte pSeVV-eGFP-&Dgr;N und -&Dgr;L

Die Herstellung von pSeVV-eGFP-&Dgr;N und pSeVV-eGFP-&Dgr;L erfolgte nach einer analogen Strategie zur Klonierung von pSeVV-eGFP-&Dgr;P. Um die Klonierungsverfahren zusammenzufassen, wurden in Tabelle 1 alle entscheidenden Parameter dargestellt.

Durch die Herstellung jeweils zweier fusionierbarer PCR-Produkte PCR I und PCR II wurde der ORF der Gene N oder L aus pSeV-eGFP unter Berücksichtigung der rule of six entfernt und an dessen Stelle eine singuläre Apal-Restriktionsschnittstelle sowohl in pSeVV-eGFP-&Dgr;N als auch in SeVV-eGFP-&Dgr;L eingebaut. Die Sequenzen der Primer zur Klonierung von pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L sind unter Aufstellung der verwendeten DNA-Oligonukleotide aufgelistet (Tabelle 3). Die hergestellten PCR-Produkte PCR I und PCR II wurden fusioniert und mit Hilfe des forward-Primers von PCR I und des reverse-Primers von PCR II amplifiziert. Anschließend wurden die Fusions-PCR-Produkte mit Restriktionsenzymen, die in pSeV-eGFP singulär vorkommen und die Insertion des entsprechenden Fusionsproduktes in pSeV-eGFP zulassen, gespalten (z.B.: Narl bei Klonierung pSeVV-eGFP-&Dgr;N, siehe Tabelle 1). Das gereinigte Spaltprodukt wurde durch Ligation in den ebenfalls mit den entsprechenden Enzymen verdauten Vektor pSeV-eGFP eingefügt.

Tabelle 1: Übersicht über die bei der Klonierung von pSeVV-eGFP-&Dgr;X verwendeten Primer und Restriktionsschnittstellen
  • § RSS = Restriktionsschnittstelle

E.coli Zellen wurden mit einem Teil der Ligationsansätze transformiert und Plasmid-DNA der erhaltenen Klone durch Plasmid-Mini-Präparation isoliert. Nach Überprüfung der korrekten Sequenz durch Restriktionsanalyse und Sequenzierung wurde von je einem positiven Klon eine Plasmid-Präparation angefertigt (DNA Maxi Prep-Kit, Qiagen), und so standen die verschiedenen pSeVV-eGFP-&Dgr;X für die Herstellung von rekombinanten Deletionsmutanten bereit.

4. Herstellung von replikationsdefizienten Virusmutanten

Aus den cDNA-Konstrukten pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L wurden in Zellkultur replikationsdefiziente SeV-Vektoren (SeVV-eGFP-&Dgr;X) hergestellt.

4.1 Initiale Herstellung von SeVV-eGFP-&Dgr;X

Für die Herstellung von rekombinanten SeV mit vollständigem Genom werden

  • – entweder die Zelllinie „BSR-T7", die die T7 RNA-Polymerase stabil exprimiert (Buchholz et al. (1999) J. Virol. 73, 251-259)
  • – oder Zellkulturen mit dem rekombinanten Vaccinia-Virus MVA-T7, das die T7 RNA-Polymerase exprimiert (Sutter et al. (1995) FEBS 371, 9-12) infiziert, und
  • – mit der cDNA des viralen Genoms (pSeV) sowie den Plasmid-kodierten Genen N, P und L transfiziert (pTM-N, -P, -L; Elroy-Stein et al. (1989) PNAS 86, 6126-6130). Die T7-Polymerase transkribiert nun das virale Antigenom oder/und die komplementäre Sequenz und die Gene N, P und L. Das über pTM-N exprimierte N-Protein verpackt die synthetisierte virale antigenomische oder/und komplementäre RNA, und dieses Nukleokapsid-Core (RNP) bildet zusammen mit den Proteinen P und L den Replikationskomplex, über den wiederum genomische RNA hergestellt und zu Nukleokapsiden verpackt werden kann (Leyrer et al., J. Virol. Meth. 75 (1998), 47-55). Im Anschluss daran erfolgt die Transkription aller viruskodierter Proteine und Replikation weiterer viraler Genome (Abbildung 10).

Im Unterschied zur beschriebenen Herstellung von rekombinanten SeV wt mit vollständigem Genom fehlt in der Plasmid-kodierten cDNA von pSeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L die genetische Information je eines der Gene N, P oder L. Demzufolge sind die initial hergestellten Nukleokapside nur in der Lage, jeweils zwei der Gene N, P oder L zu exprimieren. Die zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L Nukleokapsiden benötigte Menge des fehlenden Proteins muss daher ausschließlich über die T7-Promotor-gesteuerte Expression der Plasmid-kodierten Gene N, P und L zur Verfügung gestellt werden.

Die Herstellung der replikationsdefizienten SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L erfolgte analog zur Herstellung von replikationskompetenten SeV Varianten in HeLa-Zellen (ATCC CCL2) oder BSR-T7-Zellen. Nach 48-stündiger Inkubation der HeLa-Zellen wurde untersucht, ob virale Partikel von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L in die Kulturüberstände abgegeben worden waren und wie viele initiale Deletionsmutanten entstanden sind.

4.2 Detektion initial hergestellter SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L

Die Überstände von HeLa-Zellen oder BSR-T7-Zellen, in denen initial SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L hergestellt worden sein sollten, wurden auf die Anwesenheit dieser viralen Vektoren untersucht. SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L haben, im Gegensatz zum rekombinanten SeV wt, im 3'-Bereich das Reportergen für eGFP integriert. Dieser Detektionsmarker wurde nun verwendet, um zu analysieren, wie viele SeVV-eGFP-&Dgr;X gebildet worden waren.

In parallelen Ansätzen wurden 5 × 105 Verozellen (ATCC CCL18) mit je 1 ml Zellkultur-Überstand der bei der initialen Herstellung von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P, -&Dgr;L transfizierten HeLa-Zellen und zeitgleich mit SeV wt (MOI = 3) zur Transkomplementation des fehlenden Proteins co-infiziert. Als Kontrolle wurden Verozellen entweder nur mit 1 ml initial hergestellten SeV-eGFP oder aber mit initial hergestellten SeV-eGFP und zeitgleich mit SeV wt (MOI = 3) infiziert.

Das Ergebnis der Koinfektion von Zellen mit Kultur-Überständen der Herstellung von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L und SeV wt zeigt, dass alle drei Virusmutanten SeVV-eGFP-&Dgr;X initial herstellbar sind und nach initialer Herstellung auch in der Lage sind, Zellen zu infizieren, was sich durch eine nachweisbare eGFP-Transgenexpression detektieren lässt. Es können initial etwa 13 × 102 SeV-eGFP, 6,7 × 102 SeVV-eGFP-&Dgr;N, 3,2 × 102 SeVV-eGFP-&Dgr;P und 0,55 × 102 SeVV-eGFP-&Dgr;L Virusmutanten hergestellt werden.

5. Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;X

Es wurde untersucht, ob die Vektoren SeVV-eGFP-&Dgr;X vermehrbar, das heißt biologisch funktionell sind. Die Replikationsfähigkeit sollte zunächst durch Bereitstellung der Proteine der fehlenden Gene N, P oder L durch virale Transkomplementation mit SeV untersucht werden.

5.1 Nachweis der Vermehrbarkeit von SeVV-eGFP-&Dgr;X

Zunächst musste nachgewiesen werden, dass die Mutanten bei entsprechender Transkomplementation durch das SeV wt Virus in der Lage sind sich zu vermehren und dabei umliegende Zellen infizieren. Für die Untersuchung der Vermehrbarkeit von SeVV-eGFP-&Dgr;X bietet sich wiederum die Koinfektion von Zellen mit SeVV-eGFP-&Dgr;X und SeV wt an. Die Zellen wurden in diesem Versuch mit SeV wt in niedriger MOI infiziert, mit SeVV-eGFP-&Dgr;X coinfiziert und über mehrere Tage inkubiert, um so die Ausbreitung der SeVV-eGFP-&Dgr;X Vektoren durch die zunehmende Anzahl fluoreszierender Zellen detektieren zu können.

5 × 105 Verozellen wurden zeitgleich mit durchschnittlich 100 initial hergestellten SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L und SeV wt (MOI = 0,2) infiziert. Als Positivkontrolle diente die Koinfektion von Verozellen mit etwa 100 Partikeln des replikationskompetenten Virus SeV-eGFP und SeV wt. Während einer 48-stündigen Inkubationsphase konnte eine Vermehrung aller drei Deletionsmutanten beobachtet werden: Zunächst fluoreszierten jeweils nur einzelne Verozellen, die mit SeVV-eGFP-&Dgr;X und SeV wt koinfiziert worden waren. Nach etwa 24 h wurden aus diesen Zellen neu synthetisierte Viruspartikel entlassen, die nun in der Lage waren, in nebenliegende Zellen einzudringen. Wurden diese Zellen wiederum zeitgleich mit SeVV-eGFP-&Dgr;X und SeV wt infiziert, kam es ebenfalls in solchen Zellen zu einer detektierbaren Fluoreszenz-Erscheinung. Die Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P, und -&Dgr;L in mit wt koinfizierten Zellen konnte durch diese „Schweifbildung" fluoreszierender Zellen 48 h p.i. und darüber hinaus detektiert werden.

Durch diesen Versuch wurde sichergestellt, dass die genomischen cDNA-Konstrukte, aus denen SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P, und -&Dgr;L entstanden sind, in allen Bereichen funktionell sind. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass eine Vermehrung der Virusmutanten bei Zugabe des fehlenden viralen Proteins möglich ist. Das ausschließlich von wt Virus bereitgestellte Protein (z.B. P) ist ausreichend, um beide, die Deletionsmutante und den wt, zu vermehren, das heißt auch eine möglicherweise suboptimale Menge an P-Protein führt zur Bildung funktioneller Nukleokapside von SeV wt und SeVV-eGFP-&Dgr;P. Durch die Bereitstellung des fehlenden Proteins durch den Transkomplementationspartner SeV wt konnte eine sichtbare Vermehrung von allen SeVV-eGFP-&Dgr;X, gemessen durch die Zunahme fluoreszierender Zellen in den Kulturansätzen, erreicht werden.

5.2 Bestimmung der erforderlichen Proteine zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;X

Als nächstes wurde untersucht, welche Proteine in jedem einzelnen Fall der Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P und -&Dgr;L durch eine Helferzelle zur Verfügung gestellt werden müssen, sollten die SeV Proteine N, P und L unabhängig voneinander synthetisiert werden können. Für eine unabhängige Synthese der SeV Proteine N, P und L standen die drei rekombinanten Vaccinia Viren (VV) VV-N, VV-P, VV-L zur Verfügung, welche die SeV Proteine N, P oder L rekombinant exprimieren (Graef, H. (1994) Funktionelle Charakterisierung des rekombinanten Sendai-Virus Large (L) Proteins. Dissertation, Eberhard-Karls-Universität Tübingen).

Es wurden 1 × 106 Verozellen simultan mit SeVV-eGFP-&Dgr;X oder SeV-eGFP (MOI = 0,01) und VV co-infiziert. VV-N, -P und -L wurden dabei einzeln oder in Kombinationen eingesetzt (MOI = 0,5). Nach einer einstündigen Adsorptionszeit erfolgte ein Mediumwechsel mit DMEM + 10 % fötales Kälberserum (FKS) + Cytosin-Arabinosid (AraC) (100 &mgr;g/ml) und die Zellen wurden für 72 h bei 33 °C inkubiert, wobei das Medium täglich gewechselt wurde, um neues AraC zuzugeben.

Die Ausbreitung von SeVV-eGFP-&Dgr;X wurde über die eGFP-Expression nach 72 h analysiert. In dieser Zeit ergab sich in den positiven Ansätzen eine Vermehrung grün fluoreszierender Zellen von einer Initialzelle zu 10-30 benachbarten, fluoreszierenden Zellen.

Die Ergebnisse der Untersuchung, welche SeV Proteine notwendig sind, um SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L in Verozellen zu vermehren, sind in Tabelle 2 zusammengefasst. Die alleinige Expression von SeV N durch VV-N führt nicht zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;N. SeVV-eGFP-&Dgr;N wird nur vermehrt, wenn die SeV Proteine N und P simultan mit Hilfe rekombinanter Vaccinia Viren VV-N und VV-P in der infizierten Zelle exprimiert werden. SeVV-eGFP-&Dgr;P kann allein durch die Expression von SeV P-Proteinen mit Hilfe von VV-P in Verozellen vermehrt werden. Zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;L bedarf es der simultanen Synthese der Proteine P und L durch VV. In einer SeVV-eGFP-&Dgr;L und nur VV-L infizierten Verozelle findet keine Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;L statt.

Tabelle 2: Zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;X benötigte SeV Proteine

Zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;N muss eine Helferzelle die SeV Proteine N und P simultan exprimieren, zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;P reicht die Expression von SeV P-Protein in der Helferzelle aus, und die Amplifikation von SeVV-eGFP-&Dgr;L sollte durch eine zelluläre Expression der SeV Proteine P und L möglich sein.

5.3 Unterstützung der Amplifikation von SeVV-eGOFP-&Dgr;X durch H29 Helferzellen

Für die Untersuchungen zur Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;X mit Hilfe der H29 Zelllinie wurden 1 × 106 H29 Zellen in vier verschiedenen Ansätzen mit jeweils ca. 100 initial in HeLa-Zellen hergestellten SeVV-eGFP-&Dgr;N, -&Dgr;P oder -&Dgr;L Viruspartikeln bzw. als Kontrolle für die erfolgreiche Vermehrung replikationsfähiger SeV in H29 Zellen mit etwa 100 SeV-eGFP Viruspartikeln infiziert. Im Zeitraum von 1 bis 10 d p.i. erfolgte die Untersuchung auf Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;X durch Nachweis einer schweifartigen Ausbreitung der fluoreszierenden Zellen (Spotbildung), ausgehend von einer initial infizierten H29 Zelle.

Im Kontrollansatz konnte eine Vermehrung von SeV-eGFP, ausgehend von singulär fluoreszierenden Zellen 1 d p.i. zu Spots mit bis zu 50 fluoreszierenden Zellen 3 d p.i. beobachtet werden. Damit war sichergestellt, dass es durch den gewählten Versuchsaufbau zu einer Vermehrung von SeV kommt.

In H29 Zellen infiziert mit SeVV-eGFP-&Dgr;N kam es ebenfalls zu einer Virusvermehrung. Neben H29 (einem Derivat von humanen 293-Nierenzellen) sind auch Derivate von Vero-Zellen (Nierenzellen der Afrikanischen Grünen Meerkatze) und Derivate von LLCMK2-Zellen (Nierenzellen des Rhesusaffen), stabil transfiziert mit SeV P- und N-Genen, zur Virusvermehrung geeignet.

Im Ansatz mit SeVV-eGFP-&Dgr;P konnten 1 d p.i. an die hundert initial infizierte Einzelzellen detektiert werden. 3 d p.i. hatten sich etwa 70 % der fluoreszierenden Einzelzellen zu Spots, mit bis zu 30 fluoreszierenden Zellen, entwickelt. Damit konnte eindeutig eine Verbreitung von SeVV-eGFP-&Dgr;P auf umliegende H29 Zellen beobachtet werden. Somit ist es erstmals möglich, einen viralen SeV Vektor, dessen P-ORF deletiert ist, zu vermehren. Auf die Charakterisierung der Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;P soll im folgenden Unterpunkt eingegangen werden.

5.4 Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;P auf H29-Zellen

SeVV-eGFP-&Dgr;P kann durch die von H29 Helferzellen produzierten SeV P-Proteine amplifiziert werden. Die freigesetzten P-Deletionsmutanten sind in der Lage, umliegende H29 Zellen zu infizieren. Die Ausbreitung von SeVV-eGFP-&Dgr;P sollte nun im Vergleich zu der Ausbreitung des replikationskompetenten SeV-eGFP analysiert werden.

Hierzu wurden 1 × 106 H29 Zellen mit durchschnittlich 100 SeVV-eGFP-&Dgr;P oder SeV-eGFP infiziert. 3, 5 und 10 Tage p.i. erfolgte die Detektion von grün fluoreszierenden Zellen mit Hilfe des Fluoreszenzmikroskopes.

Eine Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;P konnte erfolgreich durch die zelluläre Bereitstellung von SeV P-Proteinen durchgeführt werden. Zu allen untersuchten Zeitpunkten war erkennbar, dass sich SeVV-eGFP-&Dgr;P und SeV-eGFP auf H29 Zellen effizient vermehren.

Im Gegensatz dazu konnte eine Ausbreitung von SeVV-eGFP-&Dgr;P auf Zellen, die das fehlende P Protein nicht zur Verfügung stellen („Zielzellen", z.B. Verozellen), nicht beobachtet werden, was die Replikationsdefizienz von SeVV-eGFP-&Dgr;P bestätigt (siehe Punkt 8).

5.5 Genexpression von SeVV-eGFP-&Dgr;P in infizierten Zielzellen

Ein Ausbleiben der Vermehrung von SeVV-eGFP-&Dgr;P auf Zelltypen, die das P Protein nicht in trans bereitstellen, konnte verifiziert werden. Gleichzeitig blieb die Expressionsleistung weit hinter den Erwartungen zurück.

Ähnlich wie im Falle der Tollwutvirus &Dgr;P Mutante (Shoji et al. (2004) Virology 318, 295-305) zeigten nur wenige infizierte Zellen eine schwache eGFP-Fluoreszenz (kleiner 5 %; siehe 11), obwohl statistisch bei einer MOI = 1 tatsächlich ca. 70 % der Zellen mit je einem Viruspartikel infiziert sind. Auch bei einer höheren MOI = 5 sind nur vereinzelt grün leuchtende Verozellen durch SeVV-eGFP-&Dgr;P zu beobachten (siehe 12, oben links).

Dies bestätigt die Annahme, dass nach Infektion einer Zelle mit einem P Gen-defizienten Virus nur eine primäre Transkription über den mitgeführten Polymerasekomplex aus dem Viruspartikel möglich ist. Im Falle der SeV &Dgr;P-Mutante sind außerdem anscheinend nur wenige Prozent der infizierenden Partikel dazu in der Lage bzw. ist eine Genexpression nur zu beobachten, wenn mehrere transkribierbare Nukleokapside gleichzeitig in einer Zelle vorliegen.

Für eine therapeutische Anwendung dieses replikationsdefizienten SeVV scheint die Expressionsleistung zu schwach bzw. es müssten unverhältnismäßig viele Partikel von SeVV &Dgr;P pro Patient appliziert werden. Daher ist es wünschenswert, eine replikationsdefiziente SeV Variante zu verwenden, die auch eine sekundäre Transkription erfüllt. Dies führt zur Entwicklung weiterer modifizierter Polymerasekomplexe, die das virale Genom nicht replizieren können, aber zu einer gesteigerten Expression des therapeutischen Gens bzw. Antigens in der Lage sind.

6. Herstellung eines modifizierten SeVV-eGFP-&Dgr;P cDNA Konstrukts

Um die Transkriptionsleistung von P Gen-defizienten SeVV in der Zielzelle eventuell zu verbessern, wurde ein weiteres rekombinantes Konstrukt hergestellt, das an der Position des ursprünglichen P-Leserahmens für eine um 76 Aminosäuren N-terminal verkürzte Form des P-Proteins kodiert („pSeVV-eGFP-P&Dgr;2-77"; siehe Punkt 3.1 und 8B).

Die Generierung von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 Partikeln und deren Vermehrung erfolgte analog zu Punkt 4.1 und 5.4.

6.1 Wachstumsverhalten von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 in H29 Helferzellen

In SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infizierten H29 Helferzellen wird das N-terminal um 76 Aminosäuren verkürzte, viral-kodierte P&Dgr;2-77-Protein zusammen mit dem zellulär kodierten P-Protein synthetisiert.

Um den Einfluss der Expression des verkürzten P-Proteins P&Dgr;2-77 auf die virale Replikation zu untersuchen, wurde eine Infektion (MOI = 3) von H29 Zellen mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77, SeV-eGFP-&Dgr;P oder dem Kontrollvirus SeV-eGFP analog zu dem unter Wachstumskinetik von SeVV-eGFP-&Dgr;P beschriebenen Verfahren, durchgeführt. Die Überstände der einzelnen Ansätze wurden über einen Zeitraum von 120 h durch einen Zellinfektionsdosistest der Titer an Nachkommenviren bestimmt über die Zahl an eGFP-exprimierenden Zellen.

Aus einer SeV-eGFP infizierten H29-Zelle (Positivkontrolle) werden im Zeitraum von 120 h durchschnittlich 80 Viruspartikel freigesetzt, wobei eine Transkomplementation des P-Proteins durch H29 Zellen in diesem Fall nicht benötigt wurde. SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 konnte im H29-Transkomplementationssystem mit etwa gleicher Effizienz wie SeVV-eGFP-&Dgr;P vermehrt werden: Aus infizierten H29 Zellen werden nach 120 h etwa 20 × 106 Viruspartikel von SeVV-eGFP-&Dgr;P oder SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 freigesetzt, dies entspricht einer Anzahl von etwa 40 freigesetzten Viruspartikeln der P-Mutanten pro H29 Zelle.

7. Vergleich der Genexpression von SeVV-eGFP-&Dgr;P und SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 und Quantifizierung der Proteinsynthese in infizierten Zielzellen

Um zu untersuchen, ob der Vektor SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 eine verstärkte Transgenexpression – verglichen zu SeVV-eGFP-&Dgr;P – in infizierten Zielzellen zeigt, wurde die viruskodierte Expression des Reportergens eGFP sowie des HN Proteins detailliert charakterisiert.

5 × 105 Verozellen wurden mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infiziert (MOI = 1), wobei am Tag 2 p.i. ca. 70% fluoreszierende Verozellen beobachtet werden konnten (nicht gezeigt). Dies bedeutet, dass nahezu jeder RNP-Komplex dieser viralen Vektorvariante in der Lage ist, eine messbare Transkription in der Zielzelle zu induzieren.

7.1 Quantifizierung der eGFP-Expression durch FACS-Analyse

Die Transkriptionskassette, in die das Reportergen eGFP in SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 eingesetzt wurde, soll in späteren Anwendungen im medizinischen Bereich das Antigen eines Pathogens, z.B. eines gewünschten Virus kodieren. Diese Antigenexpression muss ausreichend sein, um im Patienten eine protektive Immunantwort hervorzurufen.

Um sicherzustellen, dass jedes SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 Nukleokapsid, das eine Zielzelle infiziert, in der Lage ist, eine detektierbare Transgenexpression durchzuführen, sollte die gleiche Anzahl an H29 und Verozellen mit derselben Menge an Viruspartikeln infiziert werden und mittels FACS (fluorescent activated cell sorting)-Analyse unter Verwendung eines FACS-Calibur Durchflusszytometers die Anzahl der eGFP-exprimierenden H29- bzw. Verozellen verglichen werden. Die Daten wurden per Computerhistogramm ausgewertet, indem die Fluoreszenzsignale infizierter Zellen gegen die Gesamtzellzahl aufgetragen wurden.

2,5 × 105 Verozellen oder H29 Zellen wurden mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 oder dem P Gen-defizienten Virus SeVV-eGFP-&Dgr;P mit einer MOI = 1 infiziert. Die FACS-Analyse der Proben erfolgte 24 h nach Infektion. Die infizierten Zellen wurden in PBS aufgenommen und durchflusszytometrisch die Anzahl fluoreszierender Zellen ermittelt. Das Ergebnis ist in 11 als Anteil [%]fluoreszierender Vero- und H29 Zellen angegeben.

24 h nach Infektion von H29 Helferzellen mit SeVV-eGFP-&Dgr;P konnten 86 eGFP-exprimierende H29 Zellen durch FACS-Analyse detektiert werden. Hier unterstützt die zelluläre Synthese des P-Proteins die Bildung neuer P:L-Komplexe und damit Produktion neuer mRNA, was zur Synthese von eGFP-Proteinen in der infizierten Zelle führt. Wurden dagegen Verozellen mit SeVV-eGFP-&Dgr;P infiziert, konnte weder 24 h p.i. noch zu einem späteren Zeitpunkt in weiteren Versuchsansätzen eine Expression des eGFP-Proteins nachgewiesen werden. Die durch SeVV-eGFP-&Dgr;P Nukleokapside transferierten P:L-Komplexe sind bei einer Infektion mit MOI = 1 nicht in der Lage, eine detektierbare Expression in infizierten Verozellen herbeizuführen.

24 h nach SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 Infektion konnten dagegen durch FACS-Analyse knapp 80 % eGFP-exprimierende H29 Zellen und ebenso 75 % eGFP-exprimierende Verozellen identifiziert werden. Bei der Infektion von H29 Zellen kann die Transkription der eGFP mRNA durch die zelluläre Synthese des P-Proteins und damit durch neue P:L-Komplexe unterstützt werden. Bei der Infektion von Verozellen mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 wird die Transkription durch die Neusynthese des N-terminal verkürzten P-Proteins P&Dgr;2-77 verstärkt.

Aus diesen Ergebnissen kann eine wichtige Aussage über die Anzahl transkriptionsfähiger SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 getroffen werden: H29 Zellen und Verozellen wurden mit einer MOI von 1 infiziert. Theoretisch auftretende Mehrfachinfektionen einer Zelle sind in beiden Ansätzen statistisch gleich wenig wahrscheinlich. 24 h p.i. konnten knapp 80 % eGFP-exprimierende H29 Zellen und etwa 75 % eGFP-exprimierender Verozellen identifiziert werden. Dadurch lässt sich ableiten, dass jeder RNP-Komplex mit der verkürzten P-Variante P&Dgr;2-77, welcher zur Transgenexpression in einer P-Helferzelle fähig ist, ebenso eine Transgenexpression in der infizierten Zielzelle erbringt. Im Gegensatz dazu erfüllt die Variante SeVV-eGFP-&Dgr;P mit einer kompletten Deletion des P ORF diese Eigenschaft nicht.

7.2 Funktionstest des in infizierten Zielzellen exprimierten HN-Proteins

Mit Hilfe eines Hämadsorptions (HAD)-Tests wurde die Effizienz der Bindung humaner Erythrozyten und damit die Effizienz der Exposition viraler HN-Proteine auf einzelnen infizierten Zellen detektiert (12).

5 × 105 Verozellen wurden mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 bei einer niedrigen MOI = 0,5 infiziert. Im Gegensatz dazu mussten Verozellen im Falle von SeVV-eGFP-&Dgr;P mit einer 10fach höheren MOI = 5 infiziert werden, um überhaupt einzelne fluoreszierende Zellen beobachten zu können. Nach 1-stündiger Adsorption erfolgte ein Mediumwechsel mit DMEM + 10 % FKS. Anschließend wurden die Zellen mehrere Tage bei 33 °C inkubiert. Die Transgenexpression beider Vektorvarianten wurde zunächst wieder über die eGFP-Fluoreszenz verfolgt. Am Tag 5 und 9 p.i. wurden HAD-Testreihen durchgeführt, um die Exposition der viralen HN-Proteine anhand der Bindung humaner Erythrozyten zu analysieren.

Obwohl im Falle von SeVV-eGFP-&Dgr;P bei einer MOI = 5 statistisch 99,3 % der Verozellen infiziert sein sollten, konnten nur 0,01 % eGFP-positive Zellen unter dem Mikroskop beobachtet werden (12 oben links). Dagegen ist mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 eine grüne Fluoreszenz bei einer MOI = 0,5 erwartungsgemäß in 40 % der Zellen zu sehen (12 unten links).

Zwei Tage nach Infektion mit SeVV-eGFP-&Dgr;P waren nur die Hälfte der eGFP-positiven Zellen (25 von 5 × 105 infizierten) in der Lage, Erythrozyten an ihrer Oberfläche zu binden (12 oben mitte). Nach weiterer Inkubation und nochmaligem HAD-Test fand keine Erythrozyten-Adsorption mehr an infizierte Zellen statt. Mit der zweiten replikationsdefizienten SeVV Variante SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 konnten wiederum wesentlich bessere Ergebnisse erzielt werden: 5 Tage nach Infektion waren ca. 40 % der infizierten Zellen (MOI = 0,5) in der Lage, Erythrozyten an ihrer Oberfläche zu binden (12 unten mitte). Dabei konnte bei den einzelnen Zellen eine unterschiedliche Bindungsaktivität von 10 bis 70 komplexierten roten Blutkörperchen beobachtet werden. Damit war gezeigt, dass die mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infizierten Zellen 5 d p.i. in der Lage sind, HN-Proteine auf der Zelloberfläche zu exponieren, der funktionelle HAD-Test kann als positiv bewertet werden. Gleichzeitig konnte anhand der unterschiedlichen Menge gebundener Erythrozyten eine effiziente Expression des HN-Proteins in den infizierten Zellen ermittelt werden.

Die infizierten Zellen wurden bei 33 °C weiter inkubiert, wobei die Neuraminidase-Aktivität des HN-Proteins das Ablösen der an infizierte Zellen gebundenen Erythrozyten bewirkt. Die Zellen wurden gewaschen, um die abgelösten Erythrozyten zu entfernen, und für weitere 4 d bei 33 °C inkubiert. Am Tag 9 p.i. wurde wiederum ein HAD-Test durchgeführt. Es konnten nun etwa 30 % HAD-positive Verozellen detektiert werden. Dabei ging die Anzahl gebundener roter Blutkörperchen auf 5 bis 20 Erythrozyten pro Zelle zurück.

Es wurde also 9 Tage i.p. immer noch genügend funktionelles HN durch die replikationsdefiziente Variante SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 synthetisiert. Im Gegensatz dazu erfüllt die Variante SeVV-eGFP-&Dgr;P mit einer kompletten Deletion des P ORF diese Eigenschaften nicht.

7.3 Quantifizierung der eGFP-Expression durch Western Blot-Analyse

Es wurde eine semi-quantitative Abschätzung der eGFP-Expression des replikationsdefizienten SeV-Vektors im Vergleich zu dem replikationskompetenten SeV-eGFP durch eine Western Blot-Analyse mittels seriellen Verdünnungsreihen von zellulärem Gesamtprotein durchgeführt.

5 × 105 Verozellen wurden mit SeV-eGFP oder SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infiziert (MOI = 3). 24 h p.i. erfolgte der Aufschluss der Zellen; die Zellextrakte wurden in seriellen Verdünnungsreihen (1:2) von 20 &mgr;g bis 2,5 &mgr;g-Gesamtmenge in einem SDS-PAGE aufgetrennt. Die Proteine wurden auf eine PVDF-Membran transferiert und zunächst das viral kodierte eGFP-Protein (26 kDa) durch Western Blot-Analyse nachgewiesen (13).

Das Fluoreszenzprotein eGFP konnte sowohl in SeV-eGFP als auch in SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infizierten Verozellen mit Hilfe der Western Blot-Analyse nachgewiesen werden. Ein Vergleich der Intensitäten der eGFP-Signale lässt die Aussage zu, dass die Expression – vermittelt über den replikationsdefizienten SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 – um etwa Faktor 16 reduziert ist im Vergleich zum replikationskompetenten SeV-eGFP.

Eine Reduktion um Faktor 16 ist dabei gering und lässt die Aussage zu, dass SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 trotz des modifizierten P-Proteins eine sehr effiziente sekundäre Transkription erbringen kann.

7.4 Abschätzung der HN-Expression durch Western Blot-Analyse

Das SeV HN-Protein ist, im Gegensatz zum eGFP-Protein, ein membranständiges Oberflächenprotein und stellt eine wichtige Antigen-Determinante dar. Durch relative Quantifizierung der Expressionsstärke des HN-Proteins in SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infizierten Zellen wurde eine Aussage über die Intensität der Expression des SeV HN-Antigens ermöglicht.

Dieselbe PVDF-Membran, auf der das eGFP-Protein in SeVV infizierten Zellen detektiert worden war, wurde nach Entfernen der eGFP-Antikörper nun mit einem SeV spezifischen HN-Antikörper inkubiert (14). Das SeV HN-Protein konnte in den Spuren mit 20 und 10 &mgr;g Gesamtprotein SeV-eGFP infizierter Verozellen (Spuren 1, 2) effizient detektiert werden. Im Falle von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 ist die Bande des HN-Proteins ebenso in den Spuren mit 20 und 10 &mgr;g Gesamtprotein (Spur 5, 6) sichtbar, jedoch mit schwächerer Intensität. Die relative Quantifizierung der HN-Expression in SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 und SeV-eGFP infizierten Verozellen wurde durch den Vergleich der Spuren mit 20 &mgr;g Gesamtprotein vorgenommen (Spur 1 und 5, 13) und erlaubt eine geschätzte Reduktion der HN-Expression um Faktor 6, was auf eine relativ hohe Transkription in SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infizierten Zielzellen und damit auf eine generell hohe Transgenexpression des viralen replikationsdefizienten Vektors schließen lässt.

Unter Einbeziehung beider Messungen (eGFP- und HN-Protein) kann von einer durchschnittlichen Reduktion der Expression um Faktor 10 ausgegangen werden.

8. Replikationsdefizienz von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 in der Zielzelle

Werden Verozellen mit dem replikationskompetenten SeV-eGFP infiziert, entsteht in den zwei darauf folgenden Tagen um die initial infizierte, stark fluoreszierende Zelle ein Spot aus bis zu tausend weiteren fluoreszierenden Zellen. Um die Replikationsdefizienz von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 in Verozellen zu beweisen, sollte nun das Ausbleiben dieser Zunahme grün fluoreszierender Zellen um eine initial infizierte Zielzelle unter Berücksichtigung der natürlichen Teilungsrate von Verozellen bestätigt werden. Verozellen teilen sich im Durchschnitt alle 24 h. Werden Verozellen mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 infiziert, ist eine detektierbare eGFP-Expression nach etwa 24 h zu sehen. Es wurde beobachtet, dass nach weiteren 24 h Inkubationsphase aus dieser initial infizierten, fluoreszierenden Verozelle aufgrund natürlicher Teilung in einigen Fällen zwei (schwächer) fluoreszierende Tochterzellen hervorgehen. Diese Beobachtung hat nichts mit einer Virusvermehrung zu tun, bei der zwischen 101 bis 104 Viruspartikel aus einer infizierten Zielzelle entlassen werden, die dann nebenliegende Zellen infizieren können. Diese natürliche Teilungsrate infizierter Zellen hat andererseits einen Einfluss auf die eGFP-Expressionsstärke, die mit zunehmender Anzahl von Zellteilungen reduziert wird. Diese Beobachtung zeigt, dass der virale Vektor SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 Genomreplikationsdefizient ist, also keine neuen Genome synthetisiert werden. Führen mehrere aufeinander folgende Zellteilungen einer infizierten Zelle zu einer kontinuierlichen Abnahme der Intensität der Fluoreszenz, bis diese schließlich zum Erliegen kommt, so ist eine Virusvermehrung auszuschließen.

Um die Replikationsdefizienz von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 in Zielzellen endgültig zu bestätigen, wurde eine letzte Untersuchung durchgeführt:

Es wurde eine T75-Flasche mit ~ 20 × 106 Verozellen ausgelegt. Die Zellen waren schon zu Beginn der Inkubationsphase in hoher Dichte ausgesät und demzufolge nicht mehr stark teilungsaktiv. Diese Verozellen wurden mit SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 mit einer MOI von 0,001 infiziert. Ein Mediumwechsel nach DMEM mit 5 % FKS (für verringerte Teilungsaktivität) erfolgte nach einstündiger Inkubationszeit und die Verozellen wurden bei 33 °C inkubiert (P1). Zwei Tage p.i. konnten, entsprechend der gewählten MOI, initial mehrere tausend einzeln liegende infizierte, fluoreszierende Verozellen beobachtet werden. Wegen der hohen Zelldichte kam es in den darauf folgenden 4 Inkubationstagen kaum zu Zellteilungen, d.h. die Anzahl initial infizierter Zellen, detektiert durch die Fluoreszenz, blieb konstant. Würden in dieser Zeit Viruspartikel gebildet worden sein, hätten diese nebenliegende Zellen infizieren können, was sich an einer Zunahme der Fluoreszenz widergespiegelt hätte. Auch nach 8 Tagen konnte eine Ausbreitung des viralen Vektors wegen fehlender Neuinfektionen umliegender Zellen ausgeschlossen werden. Um die Zellen mit frischem Medium zu versorgen, wurde der Überstand abgenommen und die Verozellen mit neuem Medium überschichtet. 12 Tage nach Inkubationsstart lösten sich die Verozellen vom Kulturboden ab. Während der gesamten Versuchsdauer konnte keine Replikation des viralen Vektors in Form einer Zunahme fluoreszierender Zellen beobachtet werden. Eine Ausbreitung von SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 von den primär infizierten Zellen auf umliegende Verozellen durch Produktion neuer Virusgenome sowie -partikel konnte somit ausgeschlossen werden. Daher ist SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 als ein replikationsdefizienter viraler Vektor zu bezeichnen.

Fazit:

Die oben aufgeführten Ergebnisse zeigen, dass durch gezielte Manipulationen an Genen für Komponenten des Polymerase-Komplexes replikationsdefiziente Negativstrang RNA-Viren hergestellt werden können, die nur noch in der Lage sind, die viruskodierten Gene zu transkribieren, aber das Virusgenom nicht mehr zu replizieren.

Im Falle des Sendaivirus wurden speziell zwei Varianten näher untersucht, in denen das Gen für den Polymerase-Cofaktor Phosphoprotein entweder komplett deletiert wurde („SeVV-eGFP-&Dgr;P") oder die Codons für die Aminosäuren 2 bis 77 entfernt wurden („SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77"). Beide SeV Vektoren sind replikationsdefizient in Zellen, die das P Protein nicht in trans zur Verfügung stellen (sog. Zielzellen), unterscheiden sich jedoch erheblich in ihrer Genexpressionsleistung.

Obwohl im Falle von SeVV-eGFP-&Dgr;P bei einer MOI = 5 statistisch nur 0,7 der Verozellen uninfiziert bleiben – 99,3 % sollten mindestens einen RNP-Komplex enthalten – konnten nur 0,01 % eGFP-positive Zellen unter dem Mikroskop beobachtet werden. Daraus kann rechnerisch gefolgert werden, dass es nur dann zu einer sichtbaren Transgenexpression kommt, wenn 15 oder mehr RNPs von SeVV-eGFP-&Dgr;P gleichzeitig in einer infizierten Zielzelle vorhanden sind.

Dieser P Gen-defiziente SeVV zeigt eine ähnlich schwache Expression wie die analoge Tollwut &Dgr;P-Variante (Shoji et al., supra). Beide Vektoren sind in der infizierten Zielzelle nur zur primären Transkription über den mitgeführten Polymerasekomplex aus dem Viruspartikel fähig. Für eine therapeutische Anwendung des Vektors ist jedoch eine stärkere Expression des kodierten Transgens bzw. Antigens erwünscht. Diese Bedingung kann mit Hilfe der replikationsdefizienten Variante SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 erfüllt werden, die in Zielzellen eine nur um durchschnittlich Faktor 10 reduzierte Expressionsleistung erbringt im Vergleich zum replikationskompetenten SeV. Durch die Anwesenheit des Gens für ein N-terminal verkürztes P Protein im Vektorgenom ist nicht nur eine primäre, sondern auch eine sekundäre Transkription möglich. Diese wird bewerkstelligt durch neu entstandene, modifizierte Polymerase-Komplexe, die das Vektor-kodierte P&Dgr;2-77 Protein enthalten; dieses unterstützt jedoch nicht den Replikationsmodus der Polymerase.

Durch die Quantifizierung der Proteinsynthese in infizierten Zielzellen ist bewiesen, dass der replikationsdefiziente virale Vektor SeVV-eGFP-P&Dgr;2-77 in der Lage ist, eine effiziente Transkription und Expression viral kodierter Gene durchzuführen. Dabei wird nicht nur das 3'-proximale Transgen (eGFP) effektiv synthetisiert; auch das an Genomposition 6 liegende HN-Gen wird über mindestens 9 Tage nach Infektion transkribiert und das Protein funktionell auf infizierten Zielzellen exponiert.

Es kann aufgrund der oben aufgeführten Ergebnisse davon ausgegangen werden, dass der replikationsdefiziente Vektor ebenso andere Antigene, z.B. heterologe Oberflächenproteine anderer Viren, effizient exprimiert und an der Oberfläche infizierter Zellen präsentiert. Dieses Potential kann für die Entwicklung eines Impfstoffes, basierend auf einem replikationsdefizienten Negativstrang RNA-Virus, ausgenutzt werden.

9. Aufstellung der verwendeten DNA-Oligonukleotide

Die in den obigen Beispielen verwendeten DNA-Oligonukleotide sind in der folgenden Tabelle 3 angegeben.

Tabelle 3:


Anspruch[de]
  1. Rekombinantes Negativstrang RNA-Virus, enthaltend ein virales Genom mit einer Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, die zum Verlust der Replikationsfähigkeit ohne Verlust der sekundären Transkriptionsfähigkeit führt.
  2. Virus nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass es ein Paramyxovirus ist.
  3. Virus nach Anspruch 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass es ein Sendaivirus ist.
  4. Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, dass es eine Mutation im Gen P aufweist.
  5. Virus nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass die Mutation die N-terminate Teilsequenz des vom Gen P kodierten Proteins betrifft.
  6. Virus nach Anspruch 5,

    dadurch gekennzeichnet,

    dass die Mutation umfasst: eine Deletion von

    (a) den Aminosäuren 2-77 des vom Gen P kodierten Proteins oder

    (b) einer zum Verlust der Replikationsfähigkeit ausreichenden Teilsequenz von (a).
  7. Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 6, dadurch gekennzeichnet, dass das virale Genom mindestens ein für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz enthält.
  8. Virus nach Anspruch 7, dadurch gekennzeichnet, dass das heterologe Genprodukt ein Protein, ein Ribozym, ein Antisense-Molekül oder ein siRNA-Molekül ist.
  9. Virus nach Anspruch 7 oder 8, dadurch gekennzeichnet, dass das heterologe Genprodukt ein Reporterprotein, ein Antigen oder ein therapeutisches Protein ist.
  10. Virus nach einem der Ansprüche 7 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass das heterologe Genprodukt ein Antigen eines heterologen Pathogens, ausgewählt aus Viren, Bakterien und Protozoen, ist.
  11. Virus nach einem der Ansprüche 7 bis 10, dadurch gekennzeichnet, dass das heterologe Genprodukt ein virales Antigen ist.
  12. Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 11, dadurch gekennzeichnet, dass das Virus im Vergleich zum Wildtyp eine um höchstens den Faktor 20 verringerte Transkriptionsfähigkeit aufweist.
  13. Nukleokapsid eines Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12.
  14. Genom eines Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12.
  15. DNA-Molekül, das für das Genom oder/und Antigenom eines rekombinanten Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12 kodiert.
  16. DNA-Molekül nach Anspruch 15, dadurch gekennzeichnet, dass es in operativer Verknüpfung mit einem Transkriptionssignal steht.
  17. DNA-Molekül nach Anspruch 16, dadurch gekennzeichnet, dass das Transkriptionssignal ein Bakteriophagenpromotor, z.B. ein T7 oder SP6-Promotor, ist.
  18. Zelle, die ein Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12, ein Nukleokapsid nach Anspruch 13, ein Genom nach Anspruch 11 oder ein DNA-Molekül nach einem der Ansprüche 15 bis 17 enthält.
  19. Zelle nach Anspruch 18, dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Vektor-Vermehrungszelle ist.
  20. Zelle nach Anspruch 18, dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Virus-Herstellungzelle ist.
  21. Zelle nach Anspruch 20, dadurch gekennzeichnet, dass sie weiterhin ein für eine heterologe DNA-abhängige RNA Polymerase kodierendes DNA-Molekül enthält, welches die Transkription des für das rekombinante Negativstrang RNA-Virus kodierenden DNA-Moleküls bewirkt.
  22. Zelle nach Anspruch 18, dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Virus-Vermehrungszelle ist.
  23. Zelle nach einem der Ansprüche 20 bis 22, dadurch gekennzeichnet, dass sie weiterhin für das virale L, N oder/und P-Protein kodierende DNA-Moleküle enthält.
  24. Verfahren zur Herstellung eines Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12, umfassend die Schritte:

    (a) Bereitstellen einer Zelle, die mit einem DNA-Molekül transfiziert ist, das für das Genom eines Negativstrang RNA-Virus kodiert, enthaltend eine Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, die zum Verlust der viralen Genom-Replikationsfähigkeit ohne Verlust der sekundären Transkriptionsfähigkeit führt, und gegebenenfalls mindestens eine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz, und

    (b) Kultivieren der Zelle unter Bedingungen, dass eine Transkription der DNA gemäß (a) erfolgt und das rekombinante Negativstrang RNA-Virus gebildet wird.
  25. Verfahren nach Anspruch 24, weiterhin umfassend das Gewinnen des Nukleokapsids oder des viralen Genoms aus dem Negativstrang RNA-Virus.
  26. Verfahren zur Vermehrung eines Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12, umfassend die Schritte:

    (a) Bereitstellen einer Zelle, die mit einem Negativstrang RNA-Virus infiziert ist, enthaltend eine Mutation in mindestens einem der Gene N, L und P, die zum Verlust der viralen Genom-Replikationsfähigkeit ohne Verlust der sekundären Transkriptionsfähigkeit führt, und gegebenenfalls mindestens eine für ein heterologes Genprodukt kodierende Sequenz, und

    (b) Kultivieren der Zelle unter Bedingungen, dass eine Vermehrung des Virus erfolgt.
  27. Pharmazeutische Zusammensetzung, dadurch gekennzeichnet, dass sie ein rekombinantes Negativstrang RNA-Virus nach einem der Ansprüche 1 bis 12; ein Nukleokapsid nach Anspruch 13 oder ein virales Genom nach Anspruch 14 als Wirkstoff sowie gegebenenfalls pharmazeutisch übliche Träger- oder/und Hilfsstoffe enthält.
  28. Pharmazeutische Zusammensetzung nach Anspruch 27 zur Anwendung als Impfstoff.
  29. Pharmazeutische Zusammensetzung nach Anspruch 27 zur Anwendung für die Anti-Tumor-Therapie.
  30. Pharmazeutische Zusammensetzung nach einem der Ansprüche 27 bis 28 zur Anwendung bei Risikopatienten.
  31. Pharmazeutische Zusammensetzung nach einem der Ansprüche 27 bis 30, umfassend das Nukleokapsid in der nativen viralen Hülle.
  32. Verwendung einer Zelle, die konstitutiv oder induzierbar die Proteine N, L oder/und P eines Negativstrang RNA-Virus stabil exprimiert, zur Herstellung oder Vermehrung von rekombinanten Negativstrang RNA-Viren nach einem der Ansprüche 1 bis 12, von Nukleokapsiden nach Anspruch 13 oder von viralen Genomen nach Anspruch 14.
  33. Verwendung nach Anspruch 32, dadurch gekennzeichnet, dass die Zelle eine Säugerzelle ist.
  34. Verwendung nach Anspruch 32 oder 33, dadurch gekennzeichnet, dass die Zelle ausgewählt ist aus der Zelle H29 (DSM ACC2702) oder einer davon abgeleiteten Zelle.
Es folgen 7 Blatt Zeichnungen






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